Helfen in Afrika: Wann Volunteering sinnvoll ist

Eine Weile war es ganz hip zu sagen, dass man in einem afrikanischen oder asiatischen Entwicklungsland Volunteering gemacht hat. Kinder hüten, bisschen spielen, bisschen unterrichten und dabei auch noch Gutes tun! Nun ist es das Gegenteil. Wer sagt, dass er Volunteering gemacht hat, wird angefeindet. Man schade den Kindern aus egoistischen Gründen, man richte mehr Unheil an als man Gutes tue usw. Was stimmt denn nun? In meinen Augen stimmt beides. Denn es gilt beim Volunteering ein paar Regeln einzuhalten. Und zentral sein sollte die Frage: Für wen mache ich diesen Einsatz?


Mit meinem Patenkind Virginia
Mit meinem Patenkind Virginia

Darf jemand, der selbst Volunteering in Kenia gemacht hat und nach wie vor solches unterstützt, über die Nachteile vom Volunteering sprechen? Ja, genau deshalb finde ich, dass man über Beweggründe sprechen sollte. Es gibt leider viele Organisationen, die vor allem Geld sparen wollen und die auch erkannt haben, dass man mit Volunteers viel Geld verdienen kann. Junge Menschen, naiv, direkt von der Schule, raus in die weite Welt, ein bisschen Kinder tätscheln und mit ihnen spielen, dann kommt der nächste, der bereit ist, viel Geld für diese Art von Selbstfindungstrip zu bezahlen.

 

"Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht". So ist es auch beim Volunteering.

 

Volunteering ist natürlich nicht gleich Volunteering. Wer irgendwo Müll einsammelt oder Schildkröten zählt, muss sich dafür weniger Gedanken machen als etwa bei der Arbeit mit Waisenkindern. Aber gerade bei der Arbeit mit Kindern sind ein paar Dinge sehr wichtig und ich bin froh, dass ich meinem ersten Impuls als 22-Jährige nicht gefolgt bin, um in Kenia an einer Schule zu arbeiten, sondern gewartet habe, bis ich das Alter, die Reife, aber auch nötige Qualifikationen hatte.

 

Deshalb finde ich, dass vor dem Einsatz ein paar grundlegende Dinge für sich selbst geklärt werden sollten. Damit sinkt das Risiko, bei einer Organisation zu landen, die den Voluntourismus unterstützt und die Kinder dem Profit opfert.

1. Persönliche Motivation für den Freiwilligendienst

Für wen macht man den Einsatz? Warum möchte man den Einsatz machen? Was verspricht man sich von seinem Einsatz? Wie können andere profitieren?
Ein solcher Einsatz sollte nicht gemacht werden, weil er gut im Lebenslauf aussieht, weil man mal rauskommen will oder Selbstständigkeit lernen will.

 

Solche Einsätze erfordern in aller Regel eine ausgeprägte Persönlichkeit, junge Menschen auf Selbstfindungstrip probieren gerne aus - genau das kann aber überlebenswichtige Strukturen vor Ort gefährden. Ein Volunteer-Einsatz ist keine Reise und sollte nicht sowas wie "Helfen im Urlaub" werden, sondern eine bewusste Entscheidung gegen einen Urlaub und für ein Projekt.

2. Organisation / Institution für den Freiwilligendienst

Bevor ihr euch einem Projekt anschließt, forscht ein wenig nach. Es ist sogar sehr wichtig, sich ein passendes Projekt auszusuchen. Es gibt nämlich ein Phänomen, das man Voluntourismus nennt. Es besagt, dass junge reiche Weiße für viel Geld in Entwicklungsländern arbeiten. Sie ersetzen damit Jobs, die Einheimische machen könnten. So ist es für die Institution nämlich günstiger: Ihr bringt viel Geld mit und für euch müssen weder Lohn noch Versicherungen bezahlt werden. So refinanzieren sich manche Projekte. Das gilt auch im Tierschutz, wo die Gebühren teilweise unfassbar hoch sind - bis zu tausend Euro pro Woche. Dafür könnt ihr auch gut und gerne eine Safari machen.


Wichtig: Schaut danach, ob genug einheimisches Personal vorhanden ist, vor allem bei Arbeit, die auf Kontinuität und Vertrauen basiert, etwa mit Kindern oder traumatisierten Tieren. Natürlich bauen Lebewesen eine Beziehung mit euch auf, natürlich werdet ihr Bezugsperson. Aber wenn konstant Personal um die Kinder herum ist, das sie kennen und schätzen und lieben, schadet ein solcher Einsatz den Kindern auch nicht (Stichwörter Trennungsschmerz, Bindungsangst).

3. Qualifikationen des Volunteers

Könnt ihr in einem Projekt oder einem Land tatsächlich sinnvoll helfen? Das ist vor allem davon abhängig, ob ihr Qualifikationen einbringen könnt, die ihr schon habt. Wer Pädagogik, Lehramt, Erziehungswissenschaften, Soziale Arbeit etc. studiert oder studiert hat oder Erzieher etc. gelernt hat, kann eher mit Kindern arbeiten als ein Maschinenbauer. Wer Sportlehrer/-trainer ist, kann sich auf dem Gebiet sinnvoll einbringen. Wer eine medizinische Ausbildung hat, ist in Medical Centers etc gut aufgehoben. Habt ihr Erfahrung in Projektkoordination, in Öffentlichkeitsarbeit etc. - auch das sind Dinge, die gefragt sind.


Wichtig ist, dass ihr - siehe Organisation - keinem Einheimischen einen Arbeitsplatz wegnehmt, bzw. euch komplett ausbeuten lasst. Generell sagt man, man sollte nur arbeiten im Ausland tun, die man sich in Deutschland auch zutrauen würde.

4. Persönlichkeit des Volunteers

Die Arbeit in einem sozialen Projekt hat nichts mit Urlaub zu tun. Ihr werdet dort mit vielen schlimmen Dingen konfrontiert. Da wären die Lebensumstände. Ihr werdet Menschen treffen, die wirklich nichts haben. Die zu zehnt auf zehn Quadratmetern wohnen, auf dem Boden schlafen, keinen Wasserzugang haben, keinen Strom. Ihr werdet vielleicht Menschen sterben sehen. Ich habe vor meinem Aufenthalt in Kenia noch nie eine Leiche gesehen - dort schon.

 

Ihr werdet schwer zugerichtete Tiere oder Menschen sehen. Vergewaltigte Kinder, fast verhungerte und ausgesetzte Kinder, angeschossene und gefolterte Tiere. Und nebenan eine Luxusville oder ein Nobelhotel.


Seid ihr dem gewachsen? Könnt ihr damit umgehen? Kann eure Psyche das verarbeiten?

 

Auch ist es nicht hilfreich, im Mitleid für andere gefangen zu sein, denn dadurch entwickelt sich gar nichts weiter. Empathie ja, aber es muss auch nach Lösungsansätzen geschaut werden - wobei es da leider auch Grenzen gibt. Auch mit diesen Grenzen und dem Frust darüber, ohnmächtig zu sein, musst du klarkommen.

5. Kosten des Freiwilligendienstes

Wenn ihr möglichst günstig in ein Land wollt, ist Volunteering ebenfalls nicht sehr sinnvoll. Denn ihr verursacht in erster Linie einmal Kosten, die gedeckt werden müssen. Und zu Beginn seid ihr auch keine Hilfe. Deshalb verlangen viele, auch gute Organisationen, Geld für euren Einsatz. Und sei es nur für Lebensmittel. Denn was ihr nicht bezahlt, wird von Hilfgeldern etc abgezogen.

 

Natürlich klingt: "Ich bezahle, um zu helfen" erst einmal komisch. Aber nach den Punkten 1 bis 4 sollte euch klar sein, dass diese Gleichung so nicht aufgeht. Ihr müsst euch nur überlegen, ob die Kosten im Verhältnis stehen - das findet ihr aber in aller Regel raus, wenn ihr euch mehr mit der Institution oder der Organisation beschäftigt. Wer seriös arbeitet, verlangt keine immensen Gebühren. 

Ein Ehrenamt im Ausland ist nichts anderes als ein Ehrenamt in Deutschland. Ihr seid in eurer Freizeit als Jugendleiter oder Jugendtrainer tätig? Dafür gibt es in der Regel auch kein Geld.

6. Einsatzdauer des Freiwilligendienstes

Oft ist die Zeit begrenzt, weil ihr nur eine bestimmte Dauer zur Verfügung habt. Macht euch klar, dass es eine ganze Weile dauert, bis ihr euch an einem neuen Ort eingewöhnt. Je jünger, desto schwieriger wird es mit dem eingewöhnen, weil man sich mit Lebenserfahrung oft schneller anpassen kann.

 

Es dauert aber gut und gerne einen bis drei Monate, bis ihr in einem Land "ankommt".

 

Erst danach könnt ihr euch vollständig einbringen. Viele wollen aber nur zwei bis vier Wochen helfen. Überlegt euch gut, ob in solch einem Fall ein Urlaub nicht sinnvoller wäre.

Fazit zum Volunteering in Entwicklungsländern

Bitte macht euch also ausreichend Gedanken, ehe ihr in das Abenteuer Freiwilligenarbeit startet. Es gibt wirklich tolle Projekte, die auch Unterstützung brauchen. Und generell gibt es für fast jede Qualifikation eine Aufgabe vor Ort. Aber wichtig ist eben, dass ihr genau darauf achtet. Sucht euch ein Projekt, das vor Ort nachhaltig arbeitet und nicht nur auf eure Kosten und auf Kosten der Kinder irgendwelche Projekte durchboxen.

 

Und wenn es euch hauptsächlich darum geht, eine Weile im Ausland zu leben, gibt es auch andere Möglichkeiten - ich war beispielsweise als Au-Pair Mädchen in Norwegen und Schweden, habe einen dreimonatigen Jobtausch mit einer Norwegerin gemacht und bin im Rahmen meines Master-Studiums ab Sommer 2019 für einige Monate als Praktikantin in einem ghanaischen Start-Up in Accra.

 

Eine Übersicht über das Leben im Ausland und die verschiedenen Möglichkeiten, die ihr habt, gibt es auch auf der Blog-Parade von "Imprint my Travel" - dort bekommt ihr einige Tipps!

 

Nachträglich habe ich mit meinem Beitrag auch an der Blog-Parade "Social Working" von "Generation World" teilgenommen. Für mich wird dort ein wenig zu viel Lob für Freiwilligendienst geteilt und zu wenig über mögliche negative Konsequenzen für die Menschen vor Ort gesprochen, weshalb ich mit meinem Beitrag ein kleines Gegengewicht schaffen wollte.


 

 

 

Dieses Video hier habe ich 2017 während meines Einsatzes für Lufthansa Caro gefertigt. Es zeigt den Alltag eines unserer Kinder, das über Cargo Human Care gefördert wird und in unserem Kinderheim lebt.

 

 





Hast du schon einmal in einem sogenannten Entwicklungsland Freiwilligendienst geleistet?

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Kommentare: 6
  • #1

    Lisa Pautsch (Montag, 21 September 2020 19:37)

    Liebe Miriam,

    toller Artikel, danke Dir! Ich finde es toll, dass man Dinge die man gemacht hat, auch kritisch hinterfragen kann. Ich war auch lange richtig blauäugig und habe gar nicht verstanden, was schlimm an einem Volunteerings sein kann. Dann habe ich mir aber mal diese Doku hier vom WDR angeschaut und habe es endlich verstanden: https://www.youtube.com/wat...

    Volunteering-Organisationen denken eben auch meist nur wirtschaftlich und wollen aus dem Eifer junger Leute Profit schlagen. Hinterfragen und recherchieren ist da super wichtig.

    Liebe Grüß
    Lisa von Travellerin.de

  • #2

    Monique Meipunkt (Samstag, 03 Oktober 2020 12:47)

    Liebe Miriam,

    vielen lieben Dank für den Einblick hinter die Kulissen des Volunteering. Ich selber habe mich damit kaum beschäftigt, weil es für mich auf Grund der Sprachbarriere nie in Frage gekommen wäre. Aber der Sohn einer Freundin hat das für sich ins Auge gefasst und da werde ich deinen Artikel gleich einmal weiterempfehlen.

    Liebe Grüße
    Mo

  • #3

    Jaimees Welt (Montag, 05 Oktober 2020 15:51)

    Was auf den ersten Blick super hilfreich wirkt, muss es gar nicht sein! Gerade bei Kindern finde ich das auch! Ich war mal mehrere Monate regelmäßig in einem Jugendheim "zu Besuch" - also von der Arbeit aus und habe dort den ständigen Wechsel der Bezugspersonen mitbekommen. Bzw. wie die Kinder ständig umquartiert wurden. Mal fand ich sie in diesem Haus, mal in jenem. Mal mit Mitbewohner, mal ohne! Ich glaub, das hatte den wenigsten gut getan.

    Auf jeden Fall denke ich auch, dass Volunteering im Ausland gut überlegt sein sollte! In allen Fragepunkten, die du aufzählst!

    Liebe Grüße
    Jana

  • #4

    Gedanken Vielfalt (Montag, 05 Oktober 2020 15:52)

    Huhu,

    interessante Fragen und ein vielseitiger Beitrag!

    Von Volenteering habe ich schon oft gelesen, scheint sehr beliebt zur Zeit zu sein.

    LG
    Steffi

  • #5

    Wioleta Schmidt (Montag, 05 Oktober 2020 15:53)

    In meinem Abi Jahrgang hat es sehr viele meiner Mitschüler ins Ausland verschlagen. Sei es work & travel oder eben das volenteering, es war in dem Jahr tatsächlich richtig angesagt zu gehen.
    Für mich persönlich wäre es nichts, denn ich würde diese lebensumstände nicht ertragen und bin allgemein ein sehr sensibler Mensch.
    Viele Grüße
    Wioleta

  • #6

    Annette Dr. Pitzer (Montag, 05 Oktober 2020 15:53)

    Liebe Miriam,
    ein wichtiges Thema Reflektion. Dies ist nicht nur bei der Frage von Freiwilligenarbeit sondern in jedem Lebensbereich wichtig. Daher prüfe Dich und Deinen Antrieb und dann natürlich auch das Angebot.
    Alles Liebe

    Annette