Strand, Müll, Preise, Kultur: Erste Eindrücke von Accra

Seit einer Woche bin ich nun in Ghana, genauer gesagt in der Hauptstadt Accra. Und habe schon einiges erlebt, denn eines ist das hier ganz sicher nicht: langweilig. In einem ersten Beitrag widme ich mich ganz schlicht meinen ersten Eindrücken von einer speziellen Bekanntschaft im Flugzeug, einem ausgeprägten kulturellen Leben mit Filmfestival und Konzert, dem ersten Strandbesuch bei Sonnenschein, unglaublich schicken Häusern, unfassbar teuren Mangos (der teuersten meines Lebens), meinen ersten Tagen im Job und dann noch einer richtig traurigen Sache: Ghana hat wahrlich ein Müllproblem - ein großes.


Hinkommen  & Heiraten

Es ging dann doch alles etwas schneller als ich gedacht hatte: Bis einschließlich Mittwoch habe ich noch gearbeitet und Freitagfrüh ging es los nach Hamburg und schließlich via Lissabon nach Accra.

 

Im Flugzeug hatte ich schon direkt die erste sehr spezielle Bekanntschaft. In meiner Reihe auf dem Flug von Lissabon nach Accra saß ein Mann, den ich mal Thomas nenne. Ein Ghanaer, der seit 30 Jahren in Italien lebt. Daneben saß eine Frau, die ich Maria nenne. Sie ist 66 Jahre alt, Rentnerin aus Deutschland und hat da diesen Mann kennengelernt, 26 Jahre alt, Nigerianer. Sie fliegt nach Accra, um ihn zu heiraten, hat sie erzählt. Ob sie ihn kenne, frage ich. "Ja, in- und auswendig - aber wir sehen uns zum ersten Mal in echt!" Nur: Sie spricht kein Englisch, er kein Deutsch.

 

Bei mir schrillen bei sowas alle Alarmglocken, weil ich den Sextourismus in Kenia kenne und gerade junge Nigerianer nehmen sich oft älteren Damen an. Geld und Aufenthaltserlaubnis in Deutschland gegen Zuneigung und Zweisamkeit - so ist das Spiel. Ich hielt die Frauen eigentlich immer für sehr naiv, doch Maria hat mich irgendwie ganz dolle berührt. Sie war schwer krank, ist seit langen Jahren verwitwet und wahnsinnig einsam. Sie hat sich wie ein verliebter Teenager verhalten, Fotos von ihrem Mann auf dem Handy gezeigt und mit jedem Kilometer, den wir Accra näher kamen, wurden sie hibbeliger. Kurz vor der Landung schminkte sie sich noch, machte die Haare und versicherte sich ungefähr hundert Mal, ob sie gut aussieht.

 

Was sagt man so einer Frau? Was gibt man ihr mit auf den Weg? Ausreden geht nicht, das ist völlig klar. Sie tat mir tatsächlich irgendwann einfach leid. Er hat sie gefunden, als sie sich und ihr Leben aufgegeben hatte. Und ihr neuen Lebensmut gegeben. Ich habe ihr ein paar Geschichten aus Kenia erzählt, wo die Frauen viel Geld und ihr Herz verloren haben, aber mit dem Zusatz, dass ich auch einen Fall kenne, wo es gut ging. Sie hält sich daran fest, sagte: "Ich weiß, dass wir zu diesem einen Prozent gehören, in dem es gut geht."

 

Am Flughafen habe ich Maria verabschiedet, er kam auf sie zugerannt und hat sie geküsst. Mein Herz sagte einerseits, ich sollte ihm eine reinhauen. Andererseits hofft es mit Maria, dass irgendwie doch alles gut ausgeht, auch wenn ich wenig Hoffnung habe. Obwohl Maria sich bei mir melden wollte, hat sie das bisher nicht gemacht. Ich werde also leider nicht mitbekommen, wie es in dieser Liebesgeschichte weitergeht.


Ankommen & Preisschock

Als ich von meinen beiden Gastgebern abgeholt werden, den jungen Gründern von zwei Start-Ups, in denen ich arbeiten werden, war es dunkel. Ich habe auf dem Weg vom Flughafen zur Unterkunft nur viele große Häuser und viele Häuser, die gerade gebaut werden, erkennen können.

 

Im Hellen bestätigte sich mein Eindruck: Es gibt hier so wahnsinnig viele richtig schöne, großzügige und fancy Häuser. In manchen dieser riesigen Häuser wohnen keine vier Menschen. Natürlich habe ich auch in anderen afrikanischen Ländern schon große Häuser gesehen, aber nicht in der Masse wie hier in Accra. In Kenia beispielsweise gibt es eigene Stadtbezirke in Nairobi, in denen die Reichen ihre Villen haben. Bisher habe ich echt viel Zeit im Auto durch Accra verbracht und in jeder Ecke finden sich diese großen Häuser. Große Wellblech-Ansammlungen habe ich bisher nicht gesehen, wenn auch kleinere. Aber auch dort kam mir die Armut bei weitem nicht so groß vor wie in Kenia oder Sambia. Vor den schicken Häusern sind die Straßen oft sehr breit und auch sauber. Das ist schon ein bisweilen surreales Bild.

 

Ja, dieser Lebensstandard kostet natürlich. Und da kann ich berichten: Ich bin schockiert. Wirklich. Accra ist so unfassbar teuer! Ich war mit meiner ghanaischen Gastgeberin auf einem Markt und von ihr wurden 10 Cedis, fast zwei Euro, für eine Mango verlangt! So teuer sind Mangos ja nicht einmal in Deutschland! Auch sonst hatte ich beim ersten Einkaufen einen richtigen Preisschock, alles ist mindestens so teuer wie in Deutschland, bisweilen sogar teurer.

 

Wie können sich die Menschen das hier leisten? Nun, es gibt definitiv eine gute Mittelschicht. Aber natürlich auch Arme. Und bisher hat mir keiner die Frage beantworten können, was die hohen Preise für sie bedeuten.


Unterkommen & Skurilles am Arbeitsplatz

Ich wohne an meinem Arbeitsplatz - zusammen mit fünf Kollegen, die allesamt männlich sind und bis auf einen auch alle Anfang 20. Nachdem ich die Küche gesehen habe, bin ich sehr dankbar dafür, ein eigenes Bad zu haben! Meine Gastgeberin meinte schon, dass sie die Jungs wohl erst mal dazu bringen müsse, die Küche zu putzen, ehe ich dort kochen könne. Es ist wahnsinnig heiß und schwül in Accra und ich bin dankbar über die Klimaanlage in meinem Zimmer.

 

Mit der Arbeit habe ich offiziell am Montag begonnen, ich habe inzwischen also drei Arbeitstage hinter mir, die ich bei einem Filmstudio verbracht habe. Am Montag konnte ich leider aber nicht arbeiten - weil mein Chef spontan am Morgen seinen Onkel in die Stadt fahren musste. Kein Chef, keine Aufgaben. Und zudem kein Internetzugang. Fünf Stunden nach offiziellem Arbeitsbeginn (9 Uhr) kam er dann und ärgerte sich, dass er nicht nein sagen kann, weil ihm das sonst als respektlos den Älteren gegenüber ausgelegt würde. Der Tag war für ihn gelaufen.

 

Am Dienstag konnte ich mich dann an die Arbeit machen, ich werde hier u.a. die Social Media Präsenz von zwei Start-Ups ein wenig aufbauen. Das geht natürlich nur mit Internet und das ist in Ghana erstens teuer und zweitens kompliziert. Die meisten haben nur ihr Handy und mobile Daten, kein Wlan. In Firmen gibt es Wlan, aber auch dort kauft man sich Bundles, also ein Datenvolumen. Ein Router und 15 Gigabyte kosten 100 Euro! Als ich loslegen wollte und mich einloggte, gab es direkt eine Warnung: Das Datenvolumen war aufgebraucht. Ich konnte schließlich das mobile Wlan (es gibt so kleine mobile Router, keine festen wie bei uns) des anderen Start-Ups, für das ich arbeite, nutzen, weil das Büro auch in unserem Gebäude ist. 

 

Am Mittwoch das gleiche Spiel: Chef und Chefin nicht da, keiner hatte sich um das Aufladen gekümmert und ich saß also erst einmal eine Stunde herum, weil ich nichts zu tun hatte. Dann aber kamen sie zum Glück, ich hatte schon befürchtet, dass es ein ähnlicher Tag wie der Montag werden würde. Dem war aber nicht so. Dennoch: Professionelles Arbeiten ist in Deutschland natürlich etwas anderes. An diese Arbeitsmoral muss ich mich erst noch gewöhnen...


Umkommen & Beerdigungskultur

Weiter oben habe ich euch von meinem Sitznachbarn Thomas berichtet. Er war auf dem Weg nach Ghana, um seine Mutter zu beerdigen. Er erzählte, dass sie im März verstorben sei - und auf meinen irritierten Blick ergänzte er, dass es in Ghana üblich sei, dass die Beerdigung ein langer Prozess sei und zwischen Tod und Beisetzung oft Monate vergehen.

 

Das durfte ich dann auch direkt erleben, am Samstag Vormittag, also keine 12 Stunden nach meiner Ankunft, war ich zu einer Beerdigungs-Vor-Feier eingeladen, die Tante meiner Gastgeberin/Chefin war gestorben. Auch sie ist schon vor Wochen gestorben. Nun kam die Familie zusammen, etwa 20 Leute, Geschwister, Nichten, Neffen und Kinder der Toten. Es wurde erst gesungen und gebetet und dann eine Liste verteilt mit allen Posten, die so anfallen bei der Zeremonie.

 

Eine Schwester hatte die Kosten für verschiedene Dinge wie Leichenwaschung, Sarg etc. angefragt und nun wurde das Budget diskutiert. Einige Dinge sind ähnlich wie in Deutschland, andere aber ganz anders. So tragen enge Familienangehörige auf der Beerdigung ein Polo-Shirt, auf dem das Bild der Verstorbenen zu sehen ist. Außerdem hängt an ihrem Wohnhaus ein Plakat mit dem Foto, dem Namen und den Lebensdaten.

 

Inzwischen achte ich mehr darauf und sehe an ganz vielen Hoftoren solche Plakate. Zwei Stunden lang wurde diskutiert, dann hatte man sich geeinigt, auch wer wie viel zahlen wird. Nicht nur das Leben ist teuer in Ghana, auch das Sterben!

 

Danach gleicht die Feier einer ganz normalen Familienfeier. Schon während der Diskussion wurde viel gelacht, aber auch gestritten. Danach gab es Essen für alle und die Anwesenden verteilten sich über das gesamte Gelände (es war auch eines dieser riesigen Häuser). Nach dem Essen gab es Alkohol und Familienplausch und dann machten wir uns wieder auf den Weg zurück.


Rumkommen & Kulturleben

Meine beiden Gastgeber, die übrigens ein Paar sind, weshalb sie auch zusammen wohnen und die Firmen im gleichen Büro sind, sind sehr umtriebig! Er ist Ghanaer, war aber mit einem Stipendium an der Filmhochschule in Köln und reist wahnsinnig gerne durch die Welt. Sie ist Ghanaerin, aber als Kind in die USA gezogen und dort aufgewachsen, und kam erst vor wenigen Jahren zurück nach Ghana. Beide haben studiert und zählen wohl zur Oberschicht des Landes.

 

Dementsprechend ist auch immer was los. Am Samstag haben mich die beiden und ihr Onkel mit zu einem Konzert genommen. Das war auch ein spezielles Event: Erst treten zwei Vorbands auf, die jeweils aber nur zwei, drei, vier Lieder darbieten. Dann tritt die Hauptband auf, das war in diesem Fall Fra!, eine ghanaische Band, die gerade in Europa auf Tour war und wirklich coole Musik macht. Da war richtig Partystimmung. 

 

Nach rund 45 Minuten war dann Pause und es wurde 30 Minuten lang (!) CDs der Band versteigert. Beginn war bei rund 1000 Euro, am Ende gingen sie für fünf Euro weg. Es hat wirklich ewig gedauert und die ganze Stimmung war dahin. Dann ist ja klar, dass nicht sofort der Hauptact wieder auf die Bühne gehen kann - also kam noch einmal eine Vorband! Es hat sich also alles doch recht lang gezogen.

 

Und da ich in einem Filmstudio arbeite, waren wir am Dienstagabend zur Eröffnung eines großen Filmfestivals in Accra, dem Black Star International Filmfestival. Ich wurde total überrannt mit dem Ausflug dorthin und wir kamen auch etwas spät, weshalb wir nur noch einen Film sehen konnten. Der war richtig gut. Danach durfte das fachkundige Publikum dem Produzent Fragen stellen und Kritik üben. Da fühlte ich mich auch gleich mal völlig fehl am Platz. Er dokumentierte den Weg eines kleinen ghanaischen Jungen - und er wird natürlich von einer weißen NGO unterstützt. Das fand enorm viel Kritik, da es auch viele gute schwarze NGOs gibt. Es entbrannte eine hitzige Debatte über was Weiße dürfen/nicht dürfen und wieso Schwarze so zum Understatement neigen. Außer dem französischen Botschafter war ich ungefähr die einzige Weiße und ich hab mich maximal unwohl gefühlt. Zum Glück wurde die Debatte bald unterbrochen.


Runterkommen & Müllproblematik

Accra liegt ganz im Süden von Ghana und damit direkt an der Atlantikküste. Und unverhofft war ich am Sonntag schon am Meer! Am Samstagabend habe ich erfahren, dass am Sonntag ein Fotoshooting stattfinden soll, für das Beauty- und Health-Start-Up meiner Gastgeberin Toni. Vormittags wurde ich abgeholt und wir fuhren etwa 45 Minuten durch Accra, mit dem Fotografen im Schlepptau. Da konnte ich dann auch schon einen ersten Blick aufs Meer erhaschen und habe mich gefreut wie eine Schneekönigin - oder eher Meerjungfrau.

 

Aber dann fuhren wir wieder weg davon, denn zuerst war noch ein Besuch bei einem super angesagten Streetfoot-Laden vorgesehen. Das waren ein paar Bänke und Essen aus Kühlboxen (die zum Warmhalten genutzt werden...) - lustige Kombination. Für mich gab es Reis und Bohnen, Spaghetti und frittierte Bananen - und die scharfe Sauce nebenan. Denn am Samstag konnte ich leider mein Essen kaum anrühren, weil es so unfassbar scharf war. Die anderen gönnten sich noch Kokosnuss, aber Kokoswasser mag ich nicht so gerne, daher stand ich nur am Rande.

 

Der nächste Stopp war dann am Meer, denn dort sollte das Shooting stattfinden, wie sich zu meiner großen Freude herausstellte! Unsere Basis war der Beachclub Ozzies Beach Palace in der Nähe vom bekannten Labadi-Beach. Und was soll ich sagen? Ich hab mich sofort in Ozzies Laden verliebt! Er hat das großzügige Gelände ganz offen gestaltet, viel mit weiß und blau-türkis gearbeitet und es ist eine mega gemütliche Chill-Out-Relax-Oase mit Stühlen, Bänken und Liegen entstanden. Ozzy ließ sich in Marokko inspirieren, stellt aber nun ein wenig auf den griechischen Stil um. Hach, ich glaube, dass ich hier noch mehr Zeit verbringen werde!

 

Aber ich war ja zum Arbeiten dort! Beziehungsweise die anderen. Denn ich konnte nicht so viel tun. Hin und wieder habe ich assistiert, zweimal unverhofft gemodelt und ansonsten habe ich mich in der Sonne geflezt und Cider getrunken und das Meeresrauschen genossen. Nur bei einer Sache habe ich mich geweigert: Seeigel stand auf dem Speiseplan für den Sonntag - ein paar Jungs sammeln sie bei Ebbe aus dem Meer, sie werden entweder roh oder gegrillt gegessen (immerhin kann niemand in den Seeigel treten, der aufgegessen wurde...).

 

Wenn da nicht, ja wenn da nicht der ganze Müll gewesen wäre, wäre es ein perfekter Tag gewesen. Bis zum Strandbesuch hielt ich Accra noch für eine saubere Stadt. Inzwischen bin ich einige Tage klüger... Am ganzen Strand verteilt lag Müll: Flaschen, Dosen, Kleidungsstücke, Schuhe, Gürtel, sogar einen Puppenkopf, ein Stofftier und einen Autoreifen habe ich gefunden... Und natürlich unfassbar viele Plastiktüten. Im Meer schwimmt man quasi zwischen Plastiktüten, etwa eine pro Quadratmeter habe ich in Ufernähe gezählt.

 

Es war entsetzlich! Ich habe schon viele Müllhalden gesehen, wo keine hin gehören, in Kenia und Sambia vor allem, aber das war wirklich das mit Abstand entsetzlichste. Zwischen dem Müll befanden sich Meeresbewohner, kleine Krebse und Muscheltiere beispielsweise. Das hat mein Herz berührt. Am Strand unweit von Ozzies Laden ist auch eine richtige Müllkippe - und kein einziger Mülleimer weit und breit. Da muss dringend was getan werden, ein paar Ideen habe ich schon und will die Tage mal mit Ozzy sprechen, vielleicht hat er ja auch Lust - immerhin ist er Surfer!

 

Inzwischen habe ich auch in meiner Umgebung unter die Oberfläche schauen können. Die größeren Straßen und Verkehrsadern sind fast komplett frei von Müll, hier ist es richtig sauber. Aber sobald man in eine Nebenstraße geht ist wirklich alles alles voll damit. Es ist grauenhaft. Ich muss gestehen, dass mir das auch mehr zusetzt als noch in Kenia vor ein paar Jahren, wahrscheinlich, weil es für mich die Plastikproblematik so viel bewusster wurde in den letzten Jahren.


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Draufkommen & Impressionen