Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem: Wo die Worte fehlen

Für manche Orte fehlen einem die Worte. Denn kein Wort fühlt sich dem angemessen an, das man erlebt und gesehen hat. Auf meinen Reisen habe ich viele schlimme Dinge gesehen und viele Orte der Erinnerung. Am prägendsten für mich allerdings war Yad Vashem, das Holocaust-Museum in Jerusalem. Auch wenn ich schon in Konzentrationslagern war, etwa in Auschwitz oder im KZ Plaszow in Krakau, in Ausstellungen und Museen zum Holocaust gesehen habe und mit Zeitzeugen sprach, die Erfahrung war noch einmal ganz anders und hat mich tief berührt. Yad Vashem lässt keinen Ausweg zu, Besucher sind dem Horror in einer Intensität ausgeliefert, wie ich es nie erlebt habe.


Yad Vashem in Israel: Wissenswertes für deinen Besuch

Yad Vashem liegt etwas außerhalb von Jerusalem, der (von den Vereinten Nationen nicht anerkannten) Hauptstadt von Israel, auf einem Hügel. Es gibt genügend Parkplätze, auch Lokalbusse fahren vom Zentrum in Jerusalem aus dorthin.

 

Yad Vashem kostet keinen Eintritt, die Aufarbeitung des Holocaust ist die Aufgabe eines jeden - und der Zugang soll damit erleichtert werden. 

 

Dennoch gibt es Auflagen. So dürfen keine Kinder unter zehn Jahren in die Ausstellung - auch mit älteren Kindern sollte man gut überlegen, ob sie das verarbeiten können, was sie sehen. Ich persönlich würde mit Kindern unter 16 das Museum Yad Vashem eher nicht besuchen, weil es noch einmal eine ganz andere Wucht hat als der Besuch eines Konzentrationslagers. 

 

Geöffnet hat Yad Vashem sonntags bis mittwochs von 8.30 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr und freitags bis 14 Uhr. Samstags ist aufgrund des Sabbat in Israel geschlossen, ebenso Freitagnachmittag. Du solltest auf jeden Fall mehrere Stunden für deinen Besuch in Yad Vashem einplanen, man kann eigentlich einen ganzen Tag hier verbringen - wenn man es denn aushält. Bedenke bitte, dass es weitestgehend nicht erlaubt ist, in Yad Vashem zu fotografieren - deshalb gibt es hier auf dem Blog auch nur wenige Fotos von meinem Besuch.

 

Informationen gibt es auch auf der (auch deutschsprachigen) Website der Gedenkstätte.


Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem: Das Museum

Ich war in den einstigen Konzentrationslagern Plaszow bei Krakau und Auschwitz-Birkenau in Polen sowie Struthof-Natzweiler in Frankreich, ich habe Holocaust-Gedenkstätten und Museen in Berlin, Amsterdam und verschiedenen Orten in Polen besucht - und dennoch hat mich die reine Wucht der Eindrücke, der Gewalt, der Menschenverachtung, der Grausamkeit in Yad Vashem emotional so mitgenommen wie kein anderer dieser Besuche. Ich habe noch nie eine derartige Flut an Bildern, Videos und Eindrücken zu dem Thema Holocaust erlebt.

 

Es war aber auch aus einem anderen Grund anders. Nämlich weil das Museum in Israel ist, in dem Land, das ich ein paar Tage kennenlernen durfte und in dem ich viele tolle Menschen getroffen haben, die meisten davon Juden. Die meisten von ihnen haben wohl Vorfahren durch Nazi-Deutschland verloren - durch meine Vorfahren also. Ich, als Nachfahre des Tätervolkes, zu Gast im Land der Opfer.

 

Yad Vashem ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt, das ganze Areal ist enorm groß. Das "Museum zur Geschichte des Holocaust", in dem nicht fotografiert werden darf, erzählt auf 4200 Quadratmetern die Geschichte des Holocausts aus jüdischer Perspektive. 

 

Nach dem Eingang steht man in einem länglichen Flur. Die Seitenwände bestehen aus dickem, grauem Beton und verlaufen nach oben enger zusammen - so wird eine Art längliche Pyramide gebildet, die dem Flurbereich eine spezielle Form gibt. Schon in diesem Bereich sind in den Boden immer wieder Erinnerungsstücke eingelassen. So läuft man an einer Stelle beispielsweise auf einer Art Brücke über Bücher, die während des Holocaust verboten waren. 

 

(c) Hynek Moravec / Wiki Commons
(c) Hynek Moravec / Wiki Commons

Rechts und links gehen dann die eigentlichen Ausstellungsräume ab - in chronologischer Abfolge erleben Besucher den Holocaust mit. Das einstige Zusammenleben von Juden und Christen in Deutschland, Polen, Frankreich und andernorts auf der Welt und den Antisemitismus den es schon zuvor gab. Die Anfänge der Hitler-Zeit, das Ausgrenzen der Juden. Die Konzentrationslager und die "Endlösung". Die Traumata jener, die überlebt haben. 

 

Dabei sieht man schon am Aufbau der Ausstellung den zunehmenden Horror. Während die ersten Bereiche noch eher offen gestaltet sind und es nicht zu viele Bilder und Geschichten in einem Raum gibt - also noch Zeit ist, Luft zu holen und durchzuatmen, werden die Bilder und Exponate immer dichter. Wenn es um den Massenmord im Holocaust geht, ist gefühlt kein Fleck an den Betonwänden mehr grau - In jedem Raum sind große Bilder aus Konzentrationslagern und anderen Lagern im Hintergrund zu sehen. Dazu laufen überall Videos, Stimmen erzählen von den Gräueln der Nazis. Es gibt kein Ausweg mehr.  

 

Eine solche Wucht und Macht von Bildern hat mich schlicht überfordert und in manch einem Raum konnte ich es kaum ertragen. Etwa, als in einem Raum in den Boden eingelassen (mit Glasdach) unzählige verkohlte Schuhe ausgestellt waren, auf denen man langging. Oder als ich als Besucher der Eisenbahnschienen folgen musste - wohlwissend, was mich im nächsten Raum erwarten würde. 

 

Diese Grausamkeit, obwohl so schlicht dargestellt, war für mich nicht auszuhalten. Ich habe angefangen zu weinen und bin dann auch bewusst nach draußen gegangen, auch, um mich selbst zu schützen. Ich habe die Ausstellung nicht bis zum Ende durchgehalten - die Geschichten der Überlebenden habe ich nur noch am Rande wahrgenommen. 


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Besuch in Yad Vashem: Die "Halle der Namen"

(c) David Shankbone / Wiki Commons
(c) David Shankbone / Wiki Commons

Zum Holocaust-Museum in Yad Vashem gehört auch die "Halle der Namen" - ein Ort der Erinnerung an jeden einzelnen der rund sechs Millionen Juden, denen im Holocaust ihr Leben genommen wurde. 

 

Wer in der Mitte des Raumes steht, blickt nach oben. In einer Art schwebendem Kegel sind dort Bilder an den Wänden angebracht - Bilder und kurze Notizen über Menschen, die im Holocaust starben. Rund 600 Menschen sind auf diese Art verewigt. 

 

Die Wände der runden Halle hingegen bestehen aus Regalen, in denen die sogenannten Gedenkblätter aufbewahrt werden. Das sind kurze biografische Notizen von Holocaust-Opfern. Platz ist in den Regalen für sechs Millionen dieser Gedenkblätter - eines für jeden im Holocaust getöteten Juden. Derzeit finden sich dort rund zwei Millionen Gedenkblätter - nur ein Bruchteil also. 

 

Durch die besondere Architektur - die Bauzeit für Yad Vashem betrug zehn Jahre - gibt es mehrere Stellen, an denen sich Exponate spiegeln. Bilder beispielsweise im Wasser im Boden eines anderen Kegels - zudem werden auf eine Glasscheibe Ausschnitte der Gedenkblätter projiziert. 

 

Die "Halle der Namen" führt direkt zum Computerzentrum, wo Nachfahren von Holocaust-Opfern solche Gedenkzettel für ihre getöteten Vorfahren ausfüllen können. Zudem können Besucher hier Recherchen über ihre Vorfahren anstellen. 


Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem: Children Memorial

Es gibt mehrere Museen und Bereiche, die zu Yad Vashem gehören, etwa auch eine Kunstgalerie, die ich allerdings mangels Zeit nicht besucht habe. 

 

Ein Muss sollte aber das Kinderdenkmal, das Children Memorial, sein. Auf dem zweiten Bild dieses Beitrags siehst du den Eingangsbereich, daneben steht die Skulptur, die auf dem ersten Bild zu sehen ist - sie symbolisiert ein Klassenfoto. Die weißen Stelen sind ungleich hoch und "abgebrochen" und stehen damit auch für die Leben, die abrupt durch die Nazis abgebrochen wurden. 

 

Die Kindergedenkstätte von Yad Vashem ist sehr schlicht gestaltet - und vielleicht genau deshalb so unfassbar grausam. Schon draußen wird der Besucher darauf hingewiesen, dass 1,5 Millionen Kinder im Holocaust ihr Leben verloren haben, bestialisch ermordet wurden oder durch Hunger oder medizinische Experimente starben. 

 

Besucher betreten die Kindergedenkstätte durch eine Art Eingang in eine Höhle - denn die Halle liegt unterirdisch und ist in einen natürlichen Felsen geschlagen. Drinnen brennen fünf Kerzen - die sich durch viele Spiegel tausendfach spiegeln - und den Raum somit mit Hunderttausenden Kerzenlichtern beleuchten. Dennoch ist es enorm dunkel, Besucher können sich an einer Art Geländer in der Gedenkstätte fortbewegen. Die Lichter stehen für die 1,5 Millionen Kinder, die im Holocaust getötet wurden. 

 

Eine Stimme ist dabei ununterbrochen zu hören. Sie liest die Namen, das Alter und den Wohnort der getöteten Kinder vor, die man heute kennt. Diese Stimme ist kaum zu ertragen. Obwohl diese Erinnerungsstätte für die Kinder des Holocausts so schlicht ist, bohrt sich alles ganz tief in einen und berührt ungemein. Rund drei Monate soll es dauern, bis die Namen, die in Endlosschleife abgespielt werden, alle einmal genannt wurden.


Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem: Mein Fazit

Rose in der Ruine einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau.
Rose in der Ruine einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau.

Es ist erstaunlich, wie wenige Worte manchmal nötig sind, um das Grauen abzubilden. Vad Vashem hat mich aufgewühlt, verzweifelt und hilflos zurückgelassen. Yad Vashem hat sich in mein Herz gebohrt und die Eindrücke, die ich dort gewonnen haben, das Gefühl, das ich hatte, als ich den Holocaust chronologisch mitverfolgen durfte, werde ich nie vergessen. 

 

Die Bilder und Eindrücke sind kaum auszuhalten - aber dennoch wichtig. Denn es ist unser Erbe - und nur wer das kennt, kann daraus lernen. 

 

Sechs Millionen Juden, ermordet, mitten in Europa, auf grausamste Art und Weise.

 

Es ist unsere Aufgabe, diese Grausamkeit niemals vergessen zu lassen und unsere Aufgabe, uns dem Hass gegenüber Menschen entgegen zu stellen. Wir müssen verhindern, dass das jemals wieder passiert. 


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Kommentare: 5
  • #1

    Annette Dr. Pitzer (Samstag, 10 Oktober 2020 20:42)

    Liebe Miriam,
    eine Erinnerungsstätte die es in sich hat. Alleine beim Lesen Deines Berichtes werde ich tief traurig und weiß, dass ich das Kinderdenkmal kaum ertragen würde.
    Alles Liebe
    Annette

  • #2

    Katharina (Mittwoch, 27 Januar 2021 12:41)

    Das ist ein unglaublich wichtiger Bericht. Ich finde das wir uns - auch wenn wir selbst noch nicht gelebt haben als es passierte- mit diesem Teil der Geschichte immer wieder befassen müssen. Die Zeitzeugen werden immer weniger, und solche Gedenkstätten bei denen einem das Herz stehenbleibt sind ein ganz wichtiger Teil um die kommenden Generationen für den Schrecken und den Tod zu sensibilisieren der viel zu schnell aus Vorurteilen und Hass entstehen kann.

  • #3

    Stephan (Mittwoch, 27 Januar 2021 16:50)

    Hi Miriam,
    ich war ja schon nach meinen Besuchen im KZ Buchenwald und KZ Dachau geschockt wie ergreifend diese Orte der Zeitgeschichte sind, doch dein Bericht hat mir gezeigt, dass es noch immer eine Steigerung gibt.
    Ich finde es sehr wichtig das es diese Gedenkstätten gibt und so wir und unsere nachfolgenden Generationen nicht vergessen welche Fehler unsere Vorfahren gemacht haben.
    Ich kann nur hoffen, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und es nie wieder so eine Ungerechtigkeit geben wird.
    LG
    Stephan von Blindfuchs.de

  • #4

    Katii (Mittwoch, 27 Januar 2021 18:42)

    Ich finde das ein sooo wichtiges Thema, so grausam es ist! Ich war schon ein paar Mal im Konzentrationslager in Auschwitz in Polen, das ist jedes Mal so schlimm, aber irgendwie MUSS ich einfach immer wieder dorthin, keine Ahnung wieso!

    Alles Liebe, <a href=http://www.suechtignach.at>Katii </a>

  • #5

    Steffi (Mittwoch, 27 Januar 2021 19:17)

    Huhu,

    puh, ich bin wirklich sprachlos über den Bericht, weil er mich wirklich sehr berührt. Ich glaube, ich hätte es auch nicht ausgehalten die Ausstellung bis zum Schluss durchzuziehen. Es kommen ja dann doch einige Emotionen hoch.

    LG Steffi