Südafrikas größtes Township: Mit dem Fahrrad in Soweto

Das größte Township Südafrikas, Soweto (kurz für South Western Townships) ist nicht unbedingt ein Touristen-Hotspot. Wie viele Menschen hier genau leben, ist ungewiss. Während manche inzwischen kleine Häuser haben und Zugang zu Wasser, ist es in anderen Teilen noch immer das Elendsviertel, in dem die Einwohner keinerlei Hygiene-Möglichkeiten haben. Armutstourismus gibt es in Soweto ebenfalls wie in Townships und Slums andernorts. Bewohner klagen über die vielen Busse, die durch das Township fahren und aus denen heraus Leute die Bewohner fotografieren. Wer Soweto aber wirklich besucht, erlebt eine sehr authentische und gastfreundliche Bevölkerung.


Soweto mit dem Fahrrad erkunden

Es gibt mehrere Möglichkeiten, Soweto zu besuchen. Die meisten Anbieter fahren wie erwähnt mit dem Reisebus durch das Township - was die Bewohner, mit denen wir sprachen, nicht so cool fanden. Sie kämen sich vor wie im Zoo, sagen sie. Und weil die Touristen durch die Fensterscheiben fotografieren, setzen sie auch ein Zeichen: Ihr seid gefährlich, ich traue mich nicht raus.

 

Es gibt aber auch einige Anwohner, die geführte Touren durch das Township anbieten, wir erkundeten es per Fahrrad mit der bezaubernden Charmaine zusammen. Über einen Freund, der sie kannte, kamen wir in Kontakt und hatten auch die Hoffnung, dass wir Soweto aus einem anderen Blickwinkel sehen würden.  Wir hatten nicht speziell Interesse daran, ein Armutsviertel zu sehen, sondern wollten mehr über die südafrikanische Geschichte erfahren - und da taugt Soweto optimal als Ausgangsort.

 

Die Fahrräder waren ein Erlebnis an sich, denn ständig fiel ein Pedal ab oder die Bremse ging nicht. Ein Freund von Charmaine begleitete uns, um immer wieder zu reparieren. Aber da man ohnehin nicht sehr schnell fuhr auf dem sandigen Boden, war die Gefahr überschaubar.

 

Vier Stunden lang waren wir mit Charmaine unterwegs. Wir begannen im Haus ihrer Großeltern, die enorm gastfreundlich waren, von ihrem Leben erzählten und uns Milch anboten. Für mich war es das erste Mal, dass ich in solch einer Hütte zu Gast war - Jahre später ist das in Kenia für mich recht normal geworden, aber damals war es eine Besonderheit, dieser weisen Damen zuzuhören und zu sehen, wie sie lebt.

 

Regina Mundi Church: Wo die Soweto Uprisings begannen

Foto-Ausstellung zu Soweto Uprising in der Kirche Regina Mundi
Foto-Ausstellung zu Soweto Uprising in der Kirche Regina Mundi

Einer der emotionalsten Orte dieser Tour war ein Besuch der Kirche Regina Mundi, in der sich während des Aufruhrs in Soweto im Jahr 1976 Jugendliche versteckten. Noch heute sind die Einschusslöcher der Polizei zu sehen.

 

Im oberen Stockwerk gibt es eine Ausstellung zu den Schüler- und Studentenaufständen. Ab dem 16. Juni 1976 wehrten sich schwarze Jugendliche aus Soweto dagegen, dass die Sprache der Weißen, Afrikaans, als Pflichtfach in der Schule eingeführt werden sollte.

 

Daraus entstand die Bewegung "Soweto Uprising", die sich gegen Rassismus und die weiße Dominanz in Südafrika einsetzte. Es gab damals sehr viele Todesopfer - und erst mehr als ein Jahrzehnt später stand das Ende der Apartheid, eines Systems, das Menschen nach vier Hautfarben-Typen eingeteilt hat: black, colored (Menschen mit einem weißen und einem schwarzen Elternteil), Indian und white. Ein Schwarzer hatte die wenigsten Rechte, ein Weißer die gesamte Macht, das führte dazu, dass einige Schwarze mit Bleichcreme oder Haarcreme versuchten, heller auszusehen, um als colored durchzugehen. 

 


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Aussicht vom Oppenheim-Tower auf eine geteilte Stadt

Weiter ging es für uns in die Oppenheimer Gardens mit dem Oppenheimer Tower, von dem aus sich ein wunderbarer Ausblick über das riesige, flache Soweto ergibt.

 

Ich war etwas überrascht, dass man von oben so viele richtige Häuser sehen kann, aus Stein und Beton. Charmaine erklärte uns, dass das mit den Folgen eines Sozialprojektes zu tun hatte: Alle Wellblech- und Holzhütten in Soweto sollten in den 00er Jahren abgerissen und durch richtige Häuser ersetzt werden. Inzwischen finden sich in einigen Gegenden schickere Häuser mit Vorgarten, Einkaufspassagen, Malls, Sportplätze, Hotels und Restaurants. Soweto ist hip geworden, inzwischen sind sogar schon erste reichere Johannesburger und sogar Weiße hierhin gezogen. In anderen Ecken des 120 Quadratkilometer großen Areals herrscht noch die alte Armut: Viel zu viele Menschen in viel zu kleinen Hütten, Wellblech-Verschlägen und Häusern, ohne Zugang zu Hygiene oder sauberem Trinkwasser.

 

Gleich ins Auge fielen mir auch die beiden Hochhäuser in Soweto, das sonst nur einstöckig bebaut ist. Das waren ebenfalls Sozialprojekte, erzählte Charmaine. Doch die Häuser stehen nahezu leer - denn viele können sich die Miete dafür nicht leisten. „Auch wenn die Miete günstig ist, es ist immer noch günstiger, mietfrei zu wohnen“, sagte Charmaine zu mir, „40 Prozent hier haben keine Arbeit, sie können es sich nicht leisten, Miete zu bezahlen.“

 

Kulturelles Erbe im Credo Mutwa Cultural Village

Ohnehin sind sehr viele Menschen auf der Straße. Das liegt auch an der hohen Arbeitslosigkeit. Einige, vor allem Männer, liegen schon mittags in der Sonne, kauen Khat und trinken Mais-Bier, das mehr nach vergorener Milch schmeckt als nach Bier und auch im Tretapack verkauft wird. "Don't drink and walk on the road - you may be killed" steht darauf - vor Trunkenheit am Steuer muss man in vielen Ecken hier nicht warnen, denn die Menschen können sich kein Auto leisten. Heute gibt es zwar eine Schulpflicht, aber die Prüfungen kosten Geld - die Ärmeren verlassen die Schule also häufig ohne Abschluss.

 

Neben dem Oppenheim Tower liegt das Credo Mutwa Cultural Village, eine Erinnerung an vergangene Zeiten und das Stammesleben. Dort stehen unter anderem verschiedene alte Hütten, wovon zwei noch bewohnt sind, Gräber wurden nachgestellt. Auch Kunst ist zu sehen. Wir lernten etwa, wie Menschen in der Region traditionell begraben wurden oder auch zum Sterben zurückgelassen wurden. Lebo, ein Mann, der hier lebt und ehrenamtlich das Kulturdenkmal erhält, hat uns alles gezeigt und erklärt.

Die Tour hat uns rund 300 Rand, ungefähr 15 Euro, pro Person gekostet - gut investiertes Geld, mit dem wir Charmine auch helfen konnten, ihre Selbstständigkeit auszubauen.

 

Über meine Zeit in Soweto habe ich damals auch einen Artikel für die Frankfurter Rundschau verfasst, den findet ihr hier.



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