Treffpunkt der Religionen: Jerusalem

Wäre ich noch nicht aus der Kirche ausgetreten, würde ich es spätestens nach dem Besuch in Jerusalem tun. Die Stadt finde ich zutiefst befremdlich, was natürlich mit der Religion zu tun hat.

 

Auch wenn hier heute alle Religionen friedlich zusammenleben, so zeigt mir die Stadt doch, welches Pulverfass Religion ist.

 

Denn hier wird Religion zur Schau getragen und vielleicht habe ich deshalb erst heute realisiert, was Religion eigentlich bedeutet und welche Kraft sie für so viele Menschen hat.


Klar gibt es den IS, die Taliban, die Salafisten, den Ku-Klux-Klan und ähnliches, ich meine aber eher die Menschen, die wie du und ich unter uns leben, und die sich doch über Religion definieren.

 

Das macht mir Angst. Es macht mir Angst, weil ich die Energie unterschätzt habe, die möglichen Provokationen im Kleinen.

 

Da sind die Menschen, die heulend in der Grabeskirche, wo Jesus gekreuzigt und gestorben sein soll, sowie an der Klagemauer zusammenbrechen.

Da sind Menschen, die Kreuze quer durch die Altstadt tragen, um den Leidensweg nachzuempfinden - die Gassen teilen sie sich mit den Händlern der Souvenierläden.

 

Da sind die Menschen, die willkürlich entscheiden, wer wann und wie auf den Tempelberg darf.

 

Jerusalem ist eine Stadt, in der in jeder Ecke jemand mit Maschinengewehr oder einem Tränengasgürtel steht.

 

Natürlich gab es die Anschläge, natürlich gibt es eine reele Gefahr. Aber deeskalieren Gewehre? Oder verunsichern sie? So viel Machtdemonstration, so viel Drama, so viele Emotionen.

 

Jerusalem ist anstrengend. Und Jerusalem löst in mir das Gefühl aus, für jeden eine Bedrohung zu sein. In allen Blicken schwingt - nach meinem Gefühl - die Unterstellung mit, etwas böses zu wollen.

 

Natürlich gab es hier Anschläge, natürlich darf man das nicht verharmlosen. Aber ich schreibe ja auch nur über mein Gefühl. Und wenn es mir als Nicht-Gläubiger so geht, wie geht es dann Gläubigen?

 

Aus diesen Gründen fühle ich mich an diesem Ort völlig fehl am Platz. Ich sehe ihn als einen Ort, der jederzeit zum Pulverfass werden kann, da so viele Extreme und so viel Irrationalität auf einem Fleck versammelt sind.

 

Permanent habe ich das Gefühl, nicht ich selbst sein zu können, ohne jemanden in seinem Glauben zu verletzen und damit eine Eskalation zu provozieren, die ich gar nicht wollte.

 

Alle in meiner Reisegruppe - obwohl einige konfessionslos und andere christlich sind - steckten beispielsweise Zettel in die Klagemauer.

 

Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, als sie anfingen davon zu sprechen, keinen Gedanken daran verschwendet. Warum auch? Das ist eine jüdische Tradition, damit habe ich nichts zu tun.

 

Und auch: Wäre ich gläubiger Jude, fände ich es dann provokativ, gar despektierlich, würden Anders- oder Nichtgläubige mein heiliges Symbol als Forum nutzen, obwohl sie in ihrem Leben niemals Berührungspunkte damit hatten?

Am Abend sahen wir die Show "Night Spectacular", bei der die Geschichte Jerusalems in Bildern erzählt wird, projeziert auf die Stadtmauer.

 

Ich merkte, wie mich die vielen Friedenstauben, die überall an die Mauer projiziert wurden, aggressiv machten.

 

Seit ich dieses Land betreten habe, begleiten mich Bilder der Tauben und Sprüche zum Frieden. Erst hielt ich es für eine nette Geste, dann für einen Wunsch. Inzwischen scheint es mir eher als Fassade. Für Frieden reicht es eben nicht, Tauben an eine Wand zu projizieren. Frieden fängt woanders an.

Der dritte und letzte Tag der Tour führte uns nach Yad Vashem, dem Holocaust-Museum. Auch wenn ich schon in Konzentrationslagern war, Ausstellungen und Museen zum Holocaust gesehen habe und mit Zeitzeugen sprach, die Erfahrung war noch einmal ganz anders und hat mich tief berührt. Deshalb findet ihr über Yad Vashem auch einen eigenen Beitrag.

 

Es ist schwierig, danach wieder im Alltag anzukommen. Einige von uns gingen shoppen, andere wollten reden, wieder andere ihre Ruhe haben. Ich zog mich zuerst aufs Hotel zurück.

 

Später am Abend führte uns nur ein kleiner Ausflug an die nahegelegene Railway Station, die aber vielmehr Vergnügungszentrum ist als Bahnhof. Ein Laden steht neben dem anderen, dazwischen Bars und Hipster-Läden.






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