Schildkröten an der Praia Inhame

Im Süden von São Tomé und Príncipe liegt die Praia Inhame, nebst der Praia Jalé bekannt als Schildkröten-Strand. Hier kommen von Oktober bis Februar Weibchen an Land, um ihre Eier abzulegen. Wer nachts am Strand spazieren geht, kann die Riesen antreffen und beobachten. Ich habe zum ersten Mal eine große Meeresschildkröte dort gesehen - und das war gleich eine Lederschildkröte! Lederschildkröten sind die größten Meeresschildkröten weltweit. Aber das war nicht alles, auch eine Grüne Meeresschildkröte und eine Unechte Karettschildkröte kamen in der Nacht noch an unserem Strand vorbei. Tagsüber lässt es sich übrigens herrlich an dem einsamen Strand bei gutem Essen entspannen.


Seit ich auf Costa Rica war, war es ein Traum, einmal eine Meeresschildkröte bei der Eiablage zu sehen. Bisher hatte ich mehrfach das Glück, kleine Schildkröten schlüpfen zu sehen und sie bei ihrem Weg ins Meer zu begleiten, etwa in Tortuguero in Costa Rica und am Cape Three Points in Ghana. Doch bei keinem Turtle Walk in der Nacht war ich bis dahin erfolgreich - in Dzita in Ghana sagte mir der lokale Schildkröten-Retter, dass er noch nie zu der Jahreszeit so lange am Strand gelaufen sei wie mit mir, ohne eine einzige Schildkröte zu entdecken. 

 

Sei es drum, auch São Tomé und Príncipe ist dafür bekannt, dass hier viele Schildkröten zur Eiablage kommen und auch hier habe ich genau die richtige Saison erwischt. Und dann war es direkt an meinem ersten Abend so weit - beziehungweise eigentlich dem zweiten, aber da wir spät abends angekommen sind, haben wir die erste Nacht in São Tomé Stadt verbracht. 

 

Die Anfahrt ist schon ein Abenteuer – und zwangsläufig kommt ihr aus dem Norden der Hauptinsel hierher. Die Fahrt führt von São Tomé Stadt über Santana nach Porto Alegre, der einzig größeren Siedlung im Süden. Zwischen Santana und Porto Alegre ist die Strecke weitestgehend wunderschön. Man fährt durch den Urwald, überall sind Palmen, viele alte Bäume und den Hang hinunter schlängeln sich Wasserfälle. Vor allem kurz nach dem Regen ist das ein toller Anblick.

 

Außerdem solltet ihr auf der rechten Seite die Augen aufhalten, denn inmitten einer Bananen-Plantage zeigt sich das Wahrzeichen São Tomés: Der Pico Cão Grande, der Überrest eines Vulkans, der völlig surreal aussieht.

 

Es gibt eine Brücke nicht weit vom Ort Dona Augusta (ganz in der Nähe soll sich auch ein beeindruckender Wasserfall, Cascata de Praia Pesqueira, befinden), dort hat man eine sehr gute Sicht. Aber nur, wenn es nicht zu bewölkt ist, denn der 663 Meter hohe Cão Grande (nebenan steht übrigens die kleine Schwester, Cão Pequena) versinkt gerne in den Wolken. Ich habe den Fehler leider gemacht und auf der Hinfahrt nicht die Kamera ausm Kofferraum geholt, weil ich dachte, ich packe sie auf der Rückfahrt einfach direkt vorne rein. Aber es war das einzige Mal in drei oder vier Tagen, dass wir den Gipfel gesehen haben. 

 

Bis Porto Alegre ist die Straße zwar nicht unbedingt gut, aber gut befahrbar, auch ohne Allradantrieb. Aber dann wird es schlagartig anders. Denn schon in Porto Alegre geht es, der „Hauptstraße“ folgend, einen Hügel aus Steinen nach oben. Danach kommt nur noch eine Art Feldweg, der vor allem bei Regen ziemlich matschig ist. Aber die Fahrt ist dennoch gut machbar. Irgendwann zweigt ein kleiner Weg nach links ab, das ist die Zufahrt zur Praia Inhame Eco Lodge. 

In Praia Inhame selbst gibt es nur eine Lodge. In einem Ort unweit entfernt, Praia Jalé, gibt es noch eine zweite, günstigere Lodge. Auch in Jalé gibt es, wie in Inhame, ein nachhaltiges Schildkröten-Projekt. An beiden Orten werden die Eier, wenn sie an ungünstigen Stellen vergraben sind (zum Schutz vor Wilderern, Hunden und Schweinen), wieder ausgegraben und in ein eingezäuntes Schutzgebiet auf dem Areal der Lodges gebracht. 

 

Zurück zur Eco Lodge Praia Inhame. Die ist zwar nicht ganz günstig - es ist übrigens deutlich günstiger, über Booking zu buchen, obwohl wir ihnen den Preis in der App gezeigt haben, bestanden sie darauf, dass wir vor Ort mehr bezahlen oder eben über Booking buchen, was wir dann auch getan haben -, aber sehr schön und ihr Geld wert - im Gegensatz zum Pestana Ecquador auf der Ilhéu das Rolas, das man von hier aus gut sehen kann. 

 

 

Praia Inhame

Die Lodge besteht aus vielen Holz-Bungalows, die auf Stelzen errichtet sind, und die großzügig Platz haben. Einziges Manko: Es gibt keine Moskitonetze am Bett, nur an den Fenstern und Türen, aber sobald man die Tür aufmacht, sind die Vieher auch schon drin. Ab nachmittags muss man sich zudem auch am Strand komplett einsprühen mit Moskitoschutz, wir waren schon nach zwei Stunden derart zerstochen, dass nichts mehr half. Ein gutes Frühstück mit Brot und Obst ist inklusive, das Mittag- und Abendessen kostet extra. Es ist nicht günstig, aber lecker, wobei wir auch nur abends dort gegessen haben und mittags Cracker und Obst gegessen haben. Das solltet ihr aber mitbringen, denn hier ist weit und breit kein Laden, in dem man einkaufen kann! 

 

 

Praia Inhame

Praia Inhame
Praia Inhame

Die Tage lassen sich hier sehr gut am Strand verbringen. Der Strand ist einsam und wunderschön. Die anderen Strände sind auch fußläufig erreichbar: Im Osten die Praia Cabana, im Westen die Praia Jalé. Zur Praia Cabana sind wir auch einmal spaziert, was schon deshalb toll ist, weil der Strand zwischen einem Mangrovenwald und dem Meer liegt, was wunderschön aussieht. 

 

Mir ist auch noch nie irgendwo aufgefallen, dass so viele Krebse und auch Krabben unterwegs waren - im Tageslicht. Es gab auch einige echt riesige Exemplare an Krabben, die schon fast unheimlich waren. Gerade in der Nähe der Bäume und der Mangroven fand man Hunderte dieser Tiere. 

  

Praia Cabana

Nach dem Abendessen sind wir am ersten Abend alleine losgezogen und am Strand entlang gelaufen. Ich hatte eine Taschenlampe dabei (wobei es sehr ratsam ist, eine mit rotem Licht zu nehmen, helles Licht stört die Schildkröten enorm und kann sie vertreiben!), aber wir fanden nichts, wobei wir auch nur ein paar Meter gingen. Auf dem Rückweg zur Lodge kam uns ein Mann vom Schildkröten-Schutz-Team entgegen. Er sprach kein Englisch, machte uns aber klar, dass wir mitkommen sollten, wenn wir eine Schildkröte sehen wollten. Also folgten wir dem Mann und seinem Hund! 

 

 

Praia Cabana
Praia Cabana

Wir gingen schnell am Strand Richtung Praia Cabana entlang und durch die Mangroven, mir war vormittags gar nicht aufgefallen, dass das so ein weites Stück ist. Nach rund zehn Minuten entdeckten wir in der Ferne aber ein Licht, das kurz aufflackerte, um uns den Weg zu zeigen. 

 

Und da lag sie: eine Lederschildkröte, die größte aller Meeresschildkröten. Unglaublich, was die Natur so hergibt! Ich hätte weinen können. Im Gegensatz zu meinem Freund habe ich die Schildkröte sofort erkannt, dafür war ich inzwischen auf zu vielen Turtle Walks dabei und habe mich genug damit beschäftigt. Und mir war klar, dass das ein ganz besonderer Moment ist, weil das echt mega viel Glück ist, ausgerechnet eine Lederschildkröte zu entdecken! 

 

Die Eiablage dauerte enorm lange, aber klar, es sind auch bis zu 150 Eier, die das Weibchen loswird. Als das Prozedere vorbei war, wurde die Schildkröte vom Team vermessen, Panzerlänge, Panzerbreite und solche Dinge werden festgehalten. Das Tier wird dann auch an den hinteren beiden Flossen gechipt, um seine Bewegungen nachvollziehen zu können. Sie ließ das alles über sich ergehen und machte keine Anstalten, zurück ins Meer zu gehen, stattdessen drehte sie sich am Strand immer wieder im Kreis.

 


Aber nach etwa zwei bis drei Stunden fand sie dann ihren Weg ins Meer und zurück blieben ein paar Dutzend Eier und Schildkröten-Spuren am Strand - und eine Miriam, die den Tränen nahe war.

 

Links oben: Lederschildkröte; rechts oben: Unechte Karettschildkröte; Unten Mitte und unten rechts: Grüne Meeresschildkröte

Die Lederschildkröte wird vermessen.
Die Lederschildkröte wird vermessen.

Doch unser Glück hielt auch auf dem Rückweg an. Wir durften mit Taschenlampe gehen, weil es zu dunkel war und es durch Krabben, Baumstämme, Äste und anderes Grünzeug einige Fallen gab. Doch nach nur wenigen Metern gab uns ein Mann des Teams das Zeichen, das Licht auszumachen - und vor uns zeigte sich eine Unechte Karettschildkröte!

 

Diese zweitkleinste aller Meeresschildkrötenarten war aber gerade fertig mit ihrer Ablage und schon auf dem Weg ins Meer. Sie hatte also ganz in Ruhe, ohne unsere Störung, keine 100 Meter von uns entfernt, während wir so auf die ungewöhnliche Lederschildkröte fixiert waren,  ihre Eier im Sand verbuddelt!

 

Völlig beglückt von meinen ersten beiden erwachsenen Schildkröten-Sichtungen gingen wir zurück zur Lodge. Doch kurz vor der Lodge, als wir alle schon nicht mehr so aufmerksam und weiter voneinander entfernt gingen, bewegte sich plötzlich etwas im Sand - und der Mann gab sofort das Zeichen, die Taschenlampe auszumachen. Wir hatten die nächste Schildkröte gefunden - eine Grüne Meeresschildkröte, die zweitgrößte der fünf Arten, die hier auf São Tomé und Príncipe vorkommen. Sie war in den letzten Zügen der Eiablage und das Team fragte, ob wir noch bleiben wollten - aber wir hatten den Eindruck, dass die Schildkröte durch unser plötzliches Auftauchen, das Licht und den bellenden Hund, den wir dabei hatten (als Schutz gegen Wilderer) so gestresst war, dass wir sie lieber alleine ließen. 

 

Praia Cabana

Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, wie glücklich ich an diesem Abend ins Bett gefallen bin? Natürlich total zerstochen an meinen Füßen! Da wir durch die Mangroven gehen mussten, war mein Moskitoschutz schon auf dem Weg zur Praia Cabana abgewaschen und die Moskitos hatten ein leichtes Spiel.

 

Insgesamt haben wir zwei Nächte in der Eco Lodge verbracht, weshalb ich auch am zweiten Abend nach dem Abendessen für einen kurzen Strandspaziergang losgegangen bin. Mein Freund wollte sich ausruhen und so ging ich alleine ein paar Meter. Allerdings nicht weit, denn direkt auf Höhe unseres Bungalows, 50 Meter entfernt am Strand, kam mir eine Grüne Meeresschildkröte entgegen. Als ich sie entdeckte, kamen auch schon die beiden Männer vom Schildkröten-Schutz angelaufen. Sie bedeuteten mir, mich hinzusetzen und einfach zu beobachten. Sie vermassen das Tier und chippten es, nach ihrer Arbeit ging dann einer los und sagte den anderen Gästen Bescheid. Während wir in der Nacht davor das Erlebnis alleine für uns hatten, waren im Laufe des Tages einige Gäste angekommen. Nun standen sie alle um die Schildkröte herum und beobachteten. Leider ließen es die beiden Männer zu, dass der ein oder andere Gast die Schildkröte auch anfasste, was ich wirklich uncool fand. Ich hielt mich da eher bedeckt. 

 

Grüne Meeresschildkröte (hinten das Licht unseres Bungalows)
Grüne Meeresschildkröte (hinten das Licht unseres Bungalows)

Nach zwei Stunden verschwand Schildi wieder im Meer. Ich ging noch ein paar Meter weiter, einfach um den Kopf frei zu bekommen und über die beiden fantastischen Abende nachzudenken und mich des Lebens zu freuen, als der Schildkröten-Mann zu mir kam und mich fragte, ob ich nochmal mit zur Praia Cabana kommen möchte, dort sei auch noch ein Tier gesichtet worden. Ich habe kurz überlegt und dann verneint. Ich war totmüde und einfach nur glücklich und wollte den Moment genießen. 

 

Das waren zwei absolut fantastische Tage in der Lodge, die rund 120 Euro im Doppelzimmer (also Bungalow) gekostet hat. Es war wunderschön. Das Personal super aufmerksam, die Strände sauber und angenehm zum Schwimmen - aber das große Highlight ist natürlich der Schildkröten-Reichtum. Einfach nur wow! 

 

Praia Inhame



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