Alleine reisen - eine Frage des Leichtsinns?

In den letzten Tagen beschäftigt mich eine Sache enorm und meine Gedanken möchte ich gerne mit euch teilen. Zwei Skandinavierinnen wurden beim Zelten in Marokko, wohl vom Islamischen Staat, ermordet. Und in Reiseforen, auch für alleinreisende Frauen, findet sich sofort die "Alleine zelten in Marokko - das ist doch leichtsinnig"-Fraktion. Solche Aussagen machen mich traurig und wütend. Leichtsinnig impliziert, dass die Frauen durch ihr Verhalten etwas an dem Verbrechen hätten ändern können. Dabei wissen wir das gar nicht. Ich habe jedenfalls viele Fragen - und für mich auch eine Antwort gefunden.


Ich glaube, dass es viel mit Selbstschutz zu tun hat. In dem man sich einredet, dass Opfer leichtsinnig, fahrlässig, naiv, unvorsichtig gehandelt haben, tun wir so, als hätten wir eine Wahl, Opfer zu werden oder nicht: In dem wir unser Verhalten anpassen.

 

Auch wenn ich das für persönlich für Quatsch halte, kann ich mir durchaus vorstellen, dass das die Gedanken und Befürchtungen von Reisenden beruhigt: Ich zelte ja nicht alleine, ich trage ja keine Miniröcke, ich bin ja mit einem Mann unterwegs etc. - deshalb kann mir das nicht passieren. Es ist eine Abgrenzung zum Opfer und damit auch die Eindämmung der persönlichen Angst. Es ist aber auch der erste Schritt zum Victim Blaming.

 

Ist es nämlich nicht eher so, dass ein Opfer nie eine Wahl hat? Die Mädchen dachten sich ja wohl nicht: Oh, zelten wir mal in Marokko und lassen uns vom IS köpfen... Ist es nicht eher so, dass viele Zufälle und Begebenheiten zu solch einem furchtbaren Ereignis führen?

 

Wenn wir es an diesem Fall festmachen, so heißt es im Bezug auf Terrorismus auf der Seite des Auswärtigen Amtes: "Marokko verfügt über sehr effektiv arbeitende Sicherheitsbehörden. Die Staatsgewalt wird in allen Teilen des Landes effektiv und uneingeschränkt ausgeübt. Dennoch gibt es auch in Marokko und insbesondere für ausländische Staatsangehörige eine abstrakte Gefährdung durch islamistisch motivierten Terrorismus." Eine abstrakte Gefahr. Kann man dann von Leichtsinn sprechen? Die beiden sind nicht nach Syrien gereist und haben dort gecamped.

Wer sagt, dass die Frauen nicht überfallen worden wären, wenn ein Mann/Guide dabei gewesen wäre? Es ist ja nun nicht so, dass der IS grundsätzlich Männer/Muslime verschont. Die Täter waren in der Überzahl und haben auch niederen Beweggründen gehandelt. Keiner von uns weiß, ob ein Guide/Mann ein Schutz gewesen wäre. Es gibt beispielsweise gerade aus Petra in Jordanien etliche Beispiele dafür, dass Frauen von ihrem Guide überfallen wurden... Und keiner weiß, ob die Männer nicht ansonsten eine Bombe in ein Hotel geworfen hätten.

 

Wer sagt uns, dass die Tramperin, die kürzlich zwischen Deutschland und Spanien ermordet wurde, noch am Leben wäre, wäre ein Mann dabei gewesen? Gibt es nicht einerseits Vorfälle, in denen männliche Tramper überfallen wurden und andererseits Millionen von Fällen, wo Frauen alleine beim Trampen nichts passiert? Wieso sollte man in jeder Bekanntschaft etwas Böses vermuten?

 

Denn nicht nur in dem Zusammenhang IS gibt es zahlreiche Beispiele von Gewalt gegen Frauen, wenn sie in Begleitung eines Mannes waren, man denke nur an die vergewaltigte und getötete Studentin aus Indien oder das Paar, das in der Siegaue überfallen wurde, auch hier half es der Frau nicht, dass sie einen Mann dabei hatte, sie wurde vergewaltigt - und hier war der Täter sogar, im Gegenteil zu Indien oder Marokko, in der Unterzahl.

 

Ein Mann als Reisebegleiter ist kein Schutz per se. Gibt es eine Statistik darüber, dass es sicherer ist, als Frau mit einem Mann zu reisen? Mir wäre keine bekannt. Dennoch wird das immer wieder behauptet, vor allem von jenen, die nie alleine unterwegs sind oder maximal im europäischen Umfeld bleiben.

 

Und wieso heißt es in diesem Fall eigentlich, die Frauen seien allein unterwegs gewesen, wenn sie doch zu zweit waren? Würde man auch alleine sagen, wenn es ein Mann und eine Frau wären? Und ab wann ist man alleine und ab wann ist man sicher? Lässt sich das an einer Anzahl von Menschen in einer Gruppe festmachen?

 

Mir persönlich ist bewusst, dass es schlechte Menschen auf dieser Welt gibt. Mir ist aber auch bewusst, dass ich keinen Einfluss darauf habe, ob und wann ich sie treffe. Und mir ist bewusst, dass es mir nicht helfen wird, ob mein Freund dabei ist oder nicht - denn gegen einen bewaffneten Täter hätten wir auch zu zweit absolut keine Chance.

 

Soll ich nun mit Angst durch die Welt gehen? Oder gar daheim bleiben, nur weil es ein paar wirklich furchtbare Menschen gibt? Und darf ich dann noch auf den Weihnachtsmarkt? Oder im Straßenverkehr teilnehmen? Oder ist man auch leichtsinnig, wenn man am Straßenverkehr teilnimmt, weil man doch weiß, dass selbst in Deutschland jeden Tag ein Mensch im Straßenverkehr stirbt? Selbst in Deutschland ist für eine Frau im Jahr 2018 immer noch das größte Risiko, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, einen Lebenspartner zu haben. Gehen wir jetzt keine Beziehungen mehr ein zum Schutz?

 

Ich versuche, das rational anzugehen: Trifft es mich, trifft es mich. Die Chance, dass es mich trifft, ist in meinem Alltag deutlich höher, etwa dadurch, dass ich sehr viel Fahrrad fahre.

 

Genießt das Leben, denn es gibt nur das eine. Und wenn etwas passiert, kannst du es nicht verhindern. Nicht indem du keinen Minirock trägst, nicht indem du dir einen Guide nimmst und nicht, in dem du zu Hause bleibst. Das Leben ist ein Risiko, immer, egal, wo man sich befindet.



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