Reisen im Globalen Süden: Warum du Kindern nicht einfach so etwas geben solltest

Urlaub in einem Entwicklungsland erfordert meist eine Antwort auf die Frage: Wie mit dem Elend umgehen? Kinder, die in zerfetzter Kleidung herumrennen, dreckig, die um Süßigkeiten oder Nahrung betteln. Der erste Impuls ist sicher, seine Habseligkeiten zu teilen. Doch gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – es gibt sogar ein Land, in dem du dafür inhaftiert werden kannst, Kindern etwas zu geben. Experten sind sich einig: Menschen werden eher noch tiefer in die Armut und Abhängigkeit getrieben. Weil mir immer wieder Menschen begegnen, die fragen, was sie in den Urlaub mitnehmen können, "was vor Ort gebraucht wird", habe ich hier ein paar Gründe gegen das wahllose Verschenken gesammelt. 


Als ich 2013 zum ersten Mal in Südafrika war – und zum ersten Mal überhaupt außerhalb Europas unterwegs war – habe ich einige Fehler gemacht. Ich habe eine Tier-Rettungsstation besucht, die Cheetah Walks anbietet, einem Polizisten viel zu viel Geld dafür gegeben, dass ich weiterfahren darf und nicht auf eine weit entfernte Polizeistation mitkommen muss, und ich habe Kinder, die sich mir in den Weg stellte, mit Keksen abgewimmelt.

 

Weinendes Kind im Flüchtlingslager Dadaab, Kenia
Weinendes Kind im Flüchtlingslager Dadaab, Kenia

In Reisegruppen, vor allem jene, die sich mit Ländern in Subsahara-Afrika beschäftigen, finde ich aber immer wieder Empfehlungen und Hinweise auf genau diese drei Punkte. Dabei ist längst erwiesen, dass alles drei enorm schädlich und absolut nicht nachhaltig ist. Wenn ich sehe, dass Leute 50 Kilo Gepäck nach Kenia schleppen, um aussortierte Klamotten zu spenden, werde ich inzwischen echt traurig.

 

Denn vieles, was wir in guter Absicht tun, ist nicht gut – zumindest nicht auf lange Sicht. Hier kommen deshalb mal ein paar Gedanken, die ich mir zu dem Thema „Sachen verschenken“ gemacht habe. 


1. Mangelnde Gesundheitsversorgung

Spende von Zahnbürsten & Zahnpasta.
Spende von Zahnbürsten & Zahnpasta.

Ein Bonbon oder ein Stück Schokolade zaubert doch jedem Kind ein Lächeln ins Gesicht, oder? Ja, das lässt sich wohl nicht leugnen. Aber bei Menschen, die unter hygienisch schlechten Bedingungen leben müssen, richtet ein Bonbon mehr Schaden an als bei einem Menschen in beispielsweise Deutschland.

 

Zum einen geht es dabei um Zahngesundheit: Viele Kinder haben keine Zahnbürsten oder putzen ihre Zähne nicht regelmäßig, weil es an Zahnbürste, Zahnpasta oder auch einfach nur sauberem Wasser fehlt. Der Zucker kann die Zähne also ungehindert angreifen. Von Zahnarztbesuchen müssen wir gar nicht erst reden!

 

Zum anderen geht es um ausgewogene Ernährung. Wer ansonsten auf seine Ernährung achtet, kann Schokolade, Bonbons und Co gut oder besser wegstecken. Aber die ausgewogene Ernährung haben viele in Entwicklungsländern nicht. Die Ernährung basiert häufig auf Kohlenhydraten (wozu auch Zucker gehört), was zu einer enorm hohen Quote an Diabetes führt. 


2. Vernachlässigung von Bildung

3. Klasse einer Privatschule in der Nähe von Nairobi/Kenia.
3. Klasse einer Privatschule in der Nähe von Nairobi/Kenia.

Kinder, die einfach so Geschenke bekommen, können den Wert von Bildung verkennen. Sie werden selbst oder durch ihre Eltern dazu animiert, nicht mehr zur Schule zu gehen, weil das Geschäft auf der Straße lukrativer ist. Ohne Bildung haben sie später im Leben keine Chance auf einen vernünftigen Job, sie halten sich dann beispielsweise damit über Wasser Krimskrams am Strand zu verkaufen – oder ihren eigenen Körper an willige ältere Sextouristen zu verkaufen.

 

In der Touristenregion Diani Beach in Kenia kann man das ganz gut beobachten: Auch tagsüber sieht man viele Kinder auf der Straße betteln, deutlich mehr als im weniger touristischen Landesinneren. Am Strand warten die Beachboys, die Sonnenbrillen, Souvenirs oder eben sich selbst verkaufen. Eine ältere weiße Dame oder ein älterer weißer Herr, meist im Rentenalter, mit einem 20-, 30-jährigen Kenianer oder einer Kenianerin, an diesen Anblick hat man sich hier längst gewöhnt. 

 

Wer Kinder zur Schulzeit über auf der Straße beim Betteln erwischt, sollte ihnen nichts geben, gerne mit Verweis, dass sie lieber zur Schule gehen sollen.

 

Bildung ist ein Privileg und der einzige Weg aus der Armut. 


3. Abhängigkeiten schaffen

Ich beginne mal mit zwei Zitaten, um den Punkt zu verdeutlichen:

 

„Wer das Betteln unterstützt, verschlimmert die Situation für die Kinder und ihre Familien. Er trägt dazu bei, dass sie im Kreislauf der Armut gefangen bleiben.“
Sandra Greco, Leiterin der Kinderschutz-Organisation SOS Kinderdörfer in Brasilien

 

 

„Den Armen zu helfen ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Oft werden Menschen durch die Hilfe abhängig gemacht.“

Janet Mawiyoo, CEO der Community Development Stiftung in Kenia

 

Abendessen für Waisenkind Ruth in der Nähe von Nairobi, Kenia.
Abendessen für Waisenkind Ruth in der Nähe von Nairobi, Kenia.

 

Menschen, die man nicht kennt, wahllos Kleidung, Nahrung oder ähnliches zu geben, verfestigt die Armuts-Spirale und führt zu größerer Hilflosigkeit und Abhängigkeit der Betroffenen. Die Menschen werden nicht zur Selbstständigkeit „erzogen“ beziehungsweise gezwungen, sondern bleiben in dem Kreislauf stecken, auf andere angewiesen zu sein. Das Problem ist, dass diese Abhängigkeit jederzeit von außen aufgekündigt werden kann: Menschen verhungern dann, weil die gewohnte Hilfe ausbleibt.

 

Uganda ist da sicher ein krasses Beispiel: In der Hauptstadt Kampala ist es seit einigen Monaten per Gesetz verboten, Kindern, die ohne Eltern unterwegs sind, etwas zu geben. Damit soll die Industrie, die dahintersteckt, eingedämmt werden: Straßenkinder werden drogenabhängig gemacht und zum Betteln geschickt, das meiste geht allerdings an die Organisationen, die dahinterstecken, nicht an die Kinder. 


4. Lokale Wirtschaft schwächen

Bekleidungsgeschäft in Dadaab, Kenia.
Bekleidungsgeschäft in Dadaab, Kenia.

Wenn du kiloweise gebrauchte Kleidung oder Süßigkeiten in die Länder mitbringst, schwemmst du den einheimischen Markt mit kostenlosen Waren. Der kleine Schneider, der für ein paar Euro mit Kleidung handelt, oder der Kerl, der gebrauchte Shirts aus Deutschland vertickt, sie werden mit ihrem Geschäftsmodell scheitern. Sie können nicht konkurrieren mit den Billigwaren, die als Spenden ins Land kommen.

 

Das gilt nicht nur für Kleidung, auch für Schulsachen, Stifte und Nahrungsmittel.

 

Kennst du also ein gutes Projekt oder hast nette Gastgeber, kaufe die Sachen doch direkt vor Ort, statt sie in Deutschland zu kaufen/zu besorgen und sie (auch nicht gerade umweltfreundlich) um die ganze Welt zu fliegen. Damit stärkst du die Wirtschaft vor Ort, mehr Geld bedeutet mehr Investition, bedeutet mehr Angestellte, bedeutet weniger Armut. Inzwischen sind zahlreiche Organisationen und Firmen im Globalen Süden aktiv, die Kleinunternehmer vor Ort fördern. Diese Projekte haben aber nur dann Erfolg, wenn sich die Kleinunternehmer am Markt behaupten können – was nur geht, wenn keine billigere Ware zu finden ist. 


5. Koloniale Muster übernehmen

Woher kommt eigentlich der Wunsch, in Ländern im Globalen Süden helfen zu wollen?

Freiwilligenarbeit in Kenia - nicht immer hilfreich.
Freiwilligenarbeit in Kenia - nicht immer hilfreich.

Zum einen ist es natürlich eine menschliche und soziale Sache, zum anderen hilft aber auch ein Ausflug in die Geschichte. Und zwar in eine Zeit, die nicht gerade ruhmreich war: die Kolonialzeit.

 

Einer der Punkte, die deutsche Befürworter des Kolonialismus immer wieder anführten, war der der Kulturmission. Das Deutsche Reich sah es als Gott gegebene und natürliche Aufgabe, andere – in ihren Augen weniger entwickelten Ländern – zu missionieren und zu zivilisieren. Dabei wurde einzig der wirtschaftliche Faktor in Betracht gezogen: Länder, die zum Industriestaat hin entwickelt werden müssen, also zur Arbeit und Zivilisation erzogen werden müssen. Daher stammt übrigens auch der Begriff Entwicklungsland - die Entwicklungshilfe, die wir seit Anfang der 1960er Jahre in Deutschland kennen, geht aus der Kolonialrevisionismus-Bewegung hervor und knüpft deshalb an viele Punkte an. 

 

Die fremden Menschen sollten die westliche Kultur und Arbeit lernen, im Gegenzug forderten die Kolonialherren Rechte und Ressourcen. Das wäre zum Wohle der gesamten Menschheit, argumentierte man damals.

 

Wenn wir also in einem Land sind, in dem die Armut viel höher ist als in Deutschland, sollten wir nicht dem ersten Impuls folgen, sondern uns vielleicht erst einmal hinterfragen, was die Intension ist – und was die Message ist, die wir senden. Ihr Armen, wir Reichen. Ihr Hilfsbedürftigen, wir Helfer. Ihr Unkultivierten, wir Zivilisierer? Auch wenn das die wenigsten Reisenden oder Urlauber tatsächlich denken, so schwingt diese Botschaft immer mit. 


Und dann wäre da eben noch die Frage: Helfe ich, damit ich mich besser fühle – und mir mein Urlaub in diesem Umfeld nicht so ein schlechtes Gewissen macht? Oder setze ich mich wirklich damit auseinander, wie man sich nachhaltig einsetzen kann? Das führt dann auch zu meinem letzten Punkt: 


6. Fehlende Nachhaltigkeit

Spenden verteilen in einem Kinderheim bei Nairobi, Kenia.
Spenden verteilen in einem Kinderheim bei Nairobi, Kenia.

Jemandem, den man nicht kennt, einfach so ein Geschenk zu geben, macht dem Menschen in dem Moment vielleicht eine Freude, aber diese Hilfe ist nicht langfristig. Als ich kürzlich mit einem Reisenden darüber diskutiert hatte, sagte er: „Bis die großen Organisationen die Dörfer erreichen, ist das Kind längst tot.“ Ja, das mag sein, ist sogar wahrscheinlich so. Und das ist grauenvoll.

 

Aber mit einer ad-hoc-Aktion, einem Kind Schokolade zu geben, verzögert sich dieser Tod erst einmal nur. Er verhindert ihn nicht. Das auszusprechen, tut enorm weh. Und ich werde wütend und traurig dabei. 

 

 

Aber genau deshalb ist es wichtig, an den Punkt zu kommen, wo der Tod verhindert (und eben nicht nur hinaus gezögert) werden kann.


Es gibt inzwischen viele Projekte, die sich nachhaltig einsetzen und nicht nur Tonnen an Altkleidern, Geld oder Spielzeug nach Afrika oder Asien schippern.  Wenn ich an das Projekt denke, das ich in Kenia unterstütze: Wenn wir Spenden sortieren, kann immer ein guter Teil direkt in die Tonne. Warum? Schuhe, die fehlerhaft oder kaputt sind. Total falsche Größen, die gerade bei Schuhen enorme gesundheitliche Folgen haben können. Einzelne Schuhe. Schuhe mit Absatz. 

 


Was ist denn nun richtig!?!

Mein Patenkind Virginia.
Mein Patenkind Virginia.

Hilfreich ist es beispielsweise, Kindern den Zugang zur Bildung zu finanzieren, indem man Schulgebühren oder Kosten für Schulhefte, Schuluniform, Stifte etc. übernimmt. Es gibt Patenschafts-Programme, in denen das Geld 1:1 weitergegeben wird. Ich habe ein Patenkind in Kenia, ich bezahle 30 Euro im Monat, das meiste Geld ist für die Schulgebühr, damit sie auf eine private Schule gehen kann (da sie Schwierigkeiten hat, dem Tempo zu folgen, wäre sie in einer öffentlichen Schule aufgeschmissen), der Rest wird für Schulbus, Mittagessen in der Schule und Schuluniform aufgewandt.

 

Ich sehe das Mädchen, ein Waisenkind, mehrmals im Jahr, manchmal Monate am Stück, wenn ich zum Arbeiten in Nairobi bin, ich habe ihr beispielsweise bei der Eingliederung in der Schule geholfen. Manchmal erzählt sie mir dann, dass sie gerade keine Stifte mehr hat oder ihren Schulranzen mit den Händen tragen muss, weil die Riemen gerissen sind. Dann kriegt sie auch mal einen neuen Rucksack (den ich in Nairobi kaufe).

 

Hilfreich ist es aber auch, Firmen und Projekte zu unterstützen, die sich für Kleinunternehmer einsetzen oder größeren Firmen dabei helfen, auf soziale Verantwortung zu setzen.

Mikrokredit-Veranstaltung in Bonchuga, Tansania.
Mikrokredit-Veranstaltung in Bonchuga, Tansania.

Mit Mikrokrediten können sich Menschen in ländlichen Gegenden beispielsweise ein kleines Business aufbauen. Wenn man sich die Zahlen für Subsahara-Afrika anschaut, sind die Rückzahlungs-Quoten für die Kredite hoch. Erst vor wenigen Tagen habe ich ein Projekt kennenlernen dürfen, das zwangsverheirateten Mädchen im Norden Ghanas dabei hilft, einen Business-Plan zu erstellen, ein Business aufzubauen und Mikrokredite gewährt. Nach einem Jahr haben 75 Prozent der Frauen den Kredit vollständig zurückgezahlt!  Auch in Tansania habe ich schon ähnliche Projekte besucht. 

 

Es gibt viele solcher Projekte und wer sich für eine Patenschaft oder die Unterstützung solcher Projekte interessiert, kann mir gerne einen Kommentar oder eine Nachricht dalassen, dann vermittle ich gerne etwas passendes.

 

Und wenn ihr unbedingt Sachspenden mitnehmen wollt, dann nehmt vorher mit Einrichtungen wie Schulen oder Kinderheimen Kontakt auf. Dann bleiben zwar immer noch einige Kritikpunkte offen, aber dort werden sie sinnvoller verteilt. 




PS: Du möchtest mir etwas zu dem Artikel sagen? Du hast eigene Gedanken und Anregungen, oder auch Kritik, die du einbringen möchtest? Ich freue mich über deinen Kommentar. Du kannst auch als Gast kommentieren. Hierfür musst du in das Namensfeld klicken und deinen Namen eingeben, dann öffnet sich ein Reiter, in dem du "lieber als Gast kommentieren" auswählen kannst.