Unterwegs mit meinem schwarzen Hund

Reisen ist schon einfach so aufregend, spannend, herausfordernd. Aber gibt es Dinge, die einen dabei einschränken können? Ich höre Leute öfter sagen, dass sie nicht reisen, weil sie Kinder haben. Oder weil sie krank sind. Zu ersterem kann ich nichts sagen, aber zu zweiterem. Es bedarf vielleicht ein wenig mehr Planung, etwa was die Versorgung mit Medikamenten und generell die medizinische Versorgung angeht, aber es geht, wie ich euch in meinem wahrscheinlich persönlichsten Beitrag schildere - denn ich möchte euch erzählen, wie es für mich ist, mit meinen Depressionen durch die Welt zu tingeln, was es schwierig macht und bei welchen Dingen mir das Reisen hilft.


Erste Reise mit der Diganose: ein Sommer in Schweden.
Erste Reise mit der Diganose: ein Sommer in Schweden.

Als ich meine ersten Reisen machte, damals noch innerhalb Deutschlands, war ich 14 Jahre alt. Damals wusste ich noch nicht, dass ich krank bin. Es war für mich völlig normal, meistens bin ich zu einer Art Jugendlager für junge Journalisten gefahren, wo ich zumindest zu Beginn niemanden kannte. Das Reisen hat sich für mich einfach so entwickelt.

 

Ich war 20, als ich die Diagnose erhielt: Depressionen. Damals in Kombination mit Verfolgungswahn und Burn-Out, einem moderneren Begriff für die klassische Erschöpfungsdepression. Ich war ein wenig fassungslos: Ich bin doch so aktiv, lebensfroh, positiv – und vor allem so jung. Ich hatte gerade mit meinem Studium begonnen! Doch der schwarze Hund war da, er zog mich immer wieder zurück, runter, hielt mich fest, wenn ich rausgehen wollte. Und ich wusste längst vor besagtem Arztgespräch, dass ich psychisch krank war.

 

Zwischen Diagnose und einem dreimonatigen Aufenthalt in Schweden lagen drei Monate – in denen ich mehrere Stunden in der Woche beim Therapeuten saß. Fit machen fürs Durchhalten unterwegs. Es war ein Risiko, nach Stockholm zu ziehen, aber es war gleichzeitig auch eine große Chance. Denn dort hatte ich Zeit für mich, raus aus dem Alltag. Ich konnte wieder zu mir kommen und mich erholen, ehe es daran ging, meine Themen zu Hause zu lösen.

 

Vielleicht ist es dieser Aufenthalt, der das Verhältnis zwischen Reisen und Depressionen geklärt hat: Es ist möglich, es ist nur Vorsicht geboten.

 


Herausforderung für die Seele: Wadi Rum.
Herausforderung für die Seele: Wadi Rum.

Inzwischen weiß ich, dass ich rezidivierende depressive Störungen habe, das heißt, dass meine Depressionen immer wieder kommen, mein Leben lang. Es ist quasi unheilbar, kann aber natürlich besser werden. Man spricht dann von einer symptomfreien depressiven Phase.

 

Seit ich 20 bin, habe ich nun also alle paar Monate bis zwei Jahre (das war die längste Phase mit nur wenigen und schwachen Symptomen) eine depressive Phase. Phase klingt dabei fast niedlich, denn es ist immer wieder ein Kampf. Den ich inzwischen meistens gewinne. Das Reisen hat mir dabei unheimlich geholfen. Das Zuhause ist wichtig, die sozialen Kontakte, die Struktur, mein Lebensgefährte, meine Familie.

 

Aber auch Auszeiten sind wichtig, für Körper, Geist und Seele – und so habe ich das Alleinereisen auch noch einmal auf eine ganz andere Art schätzen gelernt. Sich Herausforderungen zu stellen, in aller Ruhe, und zu merken, wie sehr ich mich doch auf mich verlassen kann und wie viel ich schaffen kann, hat mir oft einen großen Auftrieb gegeben.

 

Auszeit am Fjord.
Auszeit am Fjord.

Ich habe gemerkt, dass es für mich manchmal einfacher ist, andernorts mit der Depression umzugehen. Wenn ich beispielsweise so ein Gedankenchaos im Kopf habe, dass ich einfach nicht zur Ruhe komme, hilft es manchmal, noch mehr Input zu sammeln, in dem ich etwa einen Städtetrip mache oder in eine neue Kultur eintauche. Die vielen Eindrücke verdrängen das Chaos erst einmal – und meistens kommen die Gedanken dann erst nach und nach zurück, sodass ich sie besser ordnen kann.

 

Und dann gibt es natürlich die Phasen, in denen ich mich einfach nur müde und erschöpft und krank fühle. Und es gibt Orte, an denen ich dann tatsächlich zur Ruhe kommen kann, etwa in Norwegen, meiner zweiten Heimat. Hier fühle ich mich einfach angekommen. Am Fjord zu sitzen und aufs Wasser hinauszustarren – das ist genau mein Ding. Dazu noch die entspannte Mentalität und die faszinierende Natur, mehr brauche ich manchmal gar nicht.

 

Mein kenianisches Patenkind (links) unterrichten.
Mein kenianisches Patenkind (links) unterrichten.

Manchmal habe ich auch Phasen, in denen ich mich hilflos und tatenlos fühle, in denen ich nach dem Sinn suche. Einen großen Teil dieses Sinns habe ich durch meine Zeit in Kenia gefunden. Dort mit Kindern zu arbeiten, die schlimmste Dinge erlebt haben, und sie jahrelang immer wieder dabei zu begleiten, wie aus den oft schüchternen und verstörten Kindern junge, selbstbewusste Erwachsene werden, wie sie langsam wieder Vertrauen und Liebe lernen, das hat mir wahrscheinlich genauso sehr geholfen wie ihnen.

 

Aber machen wir uns nichts vor, es bleibt auch immer ein Risiko. Denn wenn der schwarze Hund aktiv wird, ist es ihm egal, wo ich mich gerade befinde. Und deshalb habe ich auch auf Reisen schon richtig doofe Situationen erlebt, denn wer dünnhäutig und gereizt ist, ist dafür in einer fremden Umgebung mindestens genauso anfällig wie daheim. Und leider lässt der schwarze Hund oft nicht durchblicken, warum er kommt und woher er kommt…

 

Auf dem Trampolin mit meinem Patenkind.
Auf dem Trampolin mit meinem Patenkind.

Ich denke da an das Jahr 2014 zurück, das alles andere als leicht war. Ich war in einer sehr sensiblen Phase, hatte viel auf der Arbeit zu tun, habe mich mit meinem Job aber unwohl gefühlt, in Frankfurt sowieso – aber ich hatte da diesen Ausblick: Ich hatte ein Stipendium bekommen, mit dem ich zwei Monate als Austausch-Redakteurin in Norwegen arbeiten konnte. Die Zeit dort war wundervoll, aber auch sehr intensiv: Arbeiten für die Norweger, Texte schreiben für deutsche Zeitungen – und da ich bei meiner Au-Pair-Familie gewohnt habe, haben mich nach Feierabend die Kids in Beschlag genommen. Für mich war es großartig, weil ich zum ersten Mal viel Zeit am Stück mit meinem Patenkind verbringen konnte, der damals fünf Jahre alt war. Und mein einstiges Au-Pair-Kind nach neun Jahren wieder um mich zu haben und mit ihr Teenager-Gespräche zu führen, war fantastisch.

 

Doch die Zeit hinterließ ihre Spuren, es war zu viel, ich war vorher schon in der Phase der erneuten Erkrankung und plötzlich fehlte mir ein Ziel. Ich wurde krank, richtig krank. Ein halbes Jahr konnte ich nicht arbeiten, drei Monate war ich in einer psychosomatischen Klinik. Eine Woche nach der Entlassung ging es nach Kuba – die Reise hatten mein Lebensgefährte und ich schon vor der Phase gebucht.

 

Kuba war geprägt von meinen Depressionen und ich denke, dass ich auch deshalb so gar keine Verbindung zu dem Land gespürt habe. Es war zu viel, zu laut, zu direkt. Und ich war dünnheutig, sensibel und hab bei jeder Herausforderung angefangen zu weinen. Hätte ich diese Reise alleine gemacht, ich wäre kläglich gescheitert.




Wanderung in Howth - kurz vor dem Zusammenbruch.
Wanderung in Howth - kurz vor dem Zusammenbruch.

Auch 2018 gab es diesen Moment, in dem ich nicht auf mich und mein Gefühl gehört habe. Ich hatte eine Reise nach Dublin gebucht – vier Tage. Irland stand schon lange auf meiner Liste. Aber es fühlte sich falsch an. Ich war müde, durcheinander und genervt. Aber ich flog – und hatte den ersten kleinen Zusammenbruch schon auf dem Hinflug. Am letzten Tag in Dublin machte ich eine Wanderung in Howth. Und in dieser wundervollen Umgebung, die so wunderschön ist, war es zu viel für meinen Kopf: Manchmal hilft es, alleine zu sein und mal durchzuatmen. Manchmal aber bricht dann alles über einen zusammen.

 

Ich habe daraus gelernt. Als ich 2019 so ein Gefühl hatte, habe ich meine Reise nach Griechenland abgesagt. Ich habe es keine Sekunde bereut. Ich habe mich zu Hause ein wenig ausgeruht, habe schöne Dinge mit meinem Freund unternommen und versucht, wieder zu Kräften zu kommen – in meiner gewohnten Umgebung.

 

Geschafft: Alleine auf dem Mount Longonot in Kenia, 2800 Meter.
Geschafft: Alleine auf dem Mount Longonot in Kenia, 2800 Meter.

Ja, es ist nicht immer einfach. Ganz im Gegenteil. Manchmal ist es verdammt schwierig. Was ist ein schlechtes Bauchgefühl, was ist die Depression? Bin ich gerade dünnhäutig und gereizt, weil es doof ist, oder ist es meine Depression? Bin ich gerade müde und brauche Ruhe, oder will meine Depression mich tagelang ans Bett binden? Ist meine Angst gerade berechtigt oder versucht die Depression mir den Spaß zu verderben? Meistens hilft es nur, sich ein wenig reinzufühlen und eine Tendenz abzuschätzen. Mit den Jahren habe ich darin etwas Übung bekommen.

 

Wiederkehrende psychische Erkrankungen, die wie bei mir auf genetische Vererbungen zurückzuführen sind, bringen oft noch ein paar andere Dinge mit sich. Mein Immunsystem ist beispielsweise durch den täglichen Kampf gegen die Hormone und Depressionen enorm geschwächt. Ich werde oft krank, vor allem in fremden Umgebungen. Meine Schilddrüse funktioniert nicht mehr richtig, ebenso meine Verdauung. Ein Reizdarmsyndrom in einem fremden Land kann ganz schön unangenehm werden. Durch eine Hauterkrankung soll ich eigentlich Hitze und enorme Kälte meiden – das beißt sich nun aber mit dem Reisen.

 

 

Haltestelle auf Gran Canaria.
Haltestelle auf Gran Canaria.

Durch die chronischen Erkrankungen muss ich einige Medikamente nehmen, und das erfordert Planung. Denn Psychopharmaka darf man in manche Länder nicht einführen (oder muss sich vorher eine Genehmigung einholen), in wieder andere darf nur eine bestimmte Menge mitgeführt werden. Oft hilft es, das Rezept dabei zu haben sowie eine englischsprachige Bescheinigung vom Arzt.

 

Ich habe zum Glück keine Medikamente, die ich kühlen muss. Meine Tabletten können mit ins Handgepäck. Und bisher hatte ich auch immer das Glück, dass ich im Vorfeld Tabletten für die komplette Zeit bekommen konnte. Auf der Reise nun in Ghana ist es das erste Mal, dass ich mich von unterwegs um meine Schilddrüsentabletten kümmern muss. Auch deshalb ist es, gerade bei chronischen Erkrankungen, wichtig, sich um die richtige Auslands-Krankenversicherung zu kümmern. Die meisten schließen bestehende Vorerkrankungen aus. Ich habe zum Glück eine gefunden, die meine Medikamente im Ausland übernimmt – zumindest laut Unterlagen!