Die Vergessenen von Dadaab

Das Flüchtlingslager in Dadaab im Nordosten von Kenia war einst das größte Flüchtlingslager der Welt. Bis zu einer Million Menschen haben hier gewohnt. Immer wieder will der kenianische Staat das Lager räumen lassen, zuletzt scheiterte er 2017 vor Gericht.

 

Für die Flüchtlinge bedeutet das vor allem, dass sie in absoluter Ungewissheit leben: Müssen sie ins kriegerische Somalia zurück? Wie lange dürfen sie noch bleiben?  Für eine Recherche war ich 2017 vor Ort und möchte ein paar Eindürcke mit euch teilen und euch Menschen vorstellen, die mich tief beeindruckt haben.


Wohnhütte in Ifo2
Wohnhütte in Ifo2

Immer wenn in Deutschland über die Anzahl der Flüchtlinge diskutiert wird und dass eine Million zu viel für uns sei, denke ich an Dadaab in Kenia. Dadaab besteht seit 1991/92, als in Somalia Krieg war und Hunderttausende Somalis nach Kenia flohen.

 

Bis zu eine Million Menschen haben hier gleichzeitig gelebt. Aktuell sind es nach offiziellen Angaben rund 200.000 Menschen, inoffiziell geht man von knapp einer halben Million aus.

 

Das sind Dimensionen, die wir in unserer Debatte oft vergessen: Die meisten Flüchtlinge suchen vor Ort Schutz, in Nachbarländern etwa. Für eine Reportage für die FR war ich 2017 drei Tage lang in Dadaab. Dadaab war wieder omnipräsent in den kenianischen Medien, weil der kenianische Staat darauf geklagt hatte, Dadaab schließen zu dürfen. Man argumentiert damit, dass sich dort Terroristen tummeln. Offiziell gibt Kenia an, die Attentäter des Anschlags auf die Westgate Mall 2013 und die Universität von Garissa 2015 kamen über Dadaab nach Kenia. Bisher scheiterte der kenianische Staat auch daran, dass man nicht weiß, wohin mit den Hunderttausenden von Menschen.

 

Die Idee, meine Eindrücke mit euch zu teilen, hatte ich schon eine Weile. Nun wurde ich vor wenigen Wochen beim Günter-Wallraff-Preis ausgezeichnet für die Reportage und da nahm meine Idee einer Art "Making-Of" Gestalt an.

 

Mein erster Eindruck von Dadaab: Es ist heiß, verdammt heiß. Dadaab liegt in der Wüste im Niemandsland im Nordosten von Kenia, an der Grenze zu Somalia. Hier verriren sich kaum Menschen hin, denn es ist recht gefährlich. Die Terrormiliz Al Shabaab kontrolliert Teile des Gebiets, wer hier einfach so herumläuft, läuft Gefahr, entführt zu werden.

 

Dadaab ist weiträumig umzäunt, wer hier hin möchte, muss beim Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, einen Antrag stellen. Nur mit dem UN-Flieger kommt man hierhin, 300 USD pro Person kostet der Flug ab Nairobi. An Bord sind vor allem Helfer und Adminstratoren. Man kann auch via Auto anreisen, das sollte man aber lassen, sagt die UN, erst recht wenn man weiß ist, denn die Strecke ist gefährlich.

 

Nach rund einer Stunde an Bord komme ich in Dadaab ab. Ich sehe vor allem Staub und Sand und ein paar einzelne Sträucher. Schon aus dem Flugzeugfenster wurde die Landschaft immer karger und brauner.

 

Abdi nimmt mich in Empfang. Er ist mein Tourguide, Übersetzer, Sicherheitsberater. Eigentlich ist er auch Journalist, aber irgendwann fing er an, Journalisten zu unterstützen, die nach Dadaab wollen. Ohne einen Helfer wie Abdi darf ein Journalist Dadaab nicht betreten. Er hat den Aufenthalt für mich organisiert.

 

Dadaab ist ursprünglich ein arabisch geprägtes kenianisches Dorf. Zu bestimmten Gelegenheiten und Jahreszeiten machten die Nomaden hier Halt. Viehhaltung und Landwirtschaft waren hier einst verbreitet, dauerhaft sesshaft wurde wegen des Klimas aber eigentlich keiner. Als 1991 hier das erste von inzwischen fünf Flüchtlingslagern eröffnet wurde, florierte langsam auch die kenianische Stadt Dadaab. Jeder wollte Geld mit den Flüchtlingen machen. Zwischen dem kenianischen Daddab und dem ältesten Flüchtlingslager Ifo1 gibt es quasi keinen Unterschied mehr.

 

Läuft man durch Ifo1 könnte es genauso gut Dadaab sein - es gibt viele Shops, kleine halbwegs stabile Hütten: Die Menschen sind sesshaft, haben Arbeit und nutzen ihre selbst geschaffene Infrastruktur.  In Dadaab erhalten die Flüchtlinge zwar eine medizinische Versorgung und den Zugang zu Bildung, die Lebensmittelrationen sind allerdings so gekürzt worden, dass sie nicht mehr zum Leben ausreichen. Die Flüchtlinge haben eigene Geschäfte eröffnet und sich so selbst städtische Strukturen geschaffen.

 

Abschied und Geldübergabe am Flugplatz
Abschied und Geldübergabe am Flugplatz

Dadaab heißt immer Flüchtlinge. Das habe ich schon nach einer Minute verstanden. Um den Flugplatz herum ist ein größeres Areal mit dicken Zäunen abgetrennt und mit Planen als Sichtschutz angehängt. Abdi führt mich hinein. Hier sind jene 500 Menschen, die heute Dadaab verlassen werden. Sie haben genug von der Hoffnungslosigkeit und wollen das Camp noch mit Ausreisegeld verlassen, ehe es geräumt wird und sie gar nichts bekommen. 200 USD pro Person.

 

Die Menschen registrieren sich zur Ausreise, danach erhalten sie das Ausreisegeld. Als Unterschrift gelten die Fingerabdrücke. Haben sie das Geld bekommen, geht es auf den Hof hinaus, wo Geldwechsler warten. Mit den 200 USD müssen die meisten erst einmal ihre Kredite und Schulden zurückzahlen, die sie noch bei anderen Flüchtlingen haben. In der somalischen Gesellschaft funktioniert dieses System noch, denn alles wird über Clans geregelt. Bezahlt eine Person ihre Schulden nicht, haftet die Familie. Ich spreche mit Zeinab, die heute nach 26 Jahren in Dadaab Kenia verlässt.

 

Irgendwann kommt ein Aufruf, die Menschen rennen zum Ausgangstor im Zaun und hinaus zu den Bussen. Das Gepäck ist schon auf dem Dach. Auch die Busse sind auf einem eingezäunten Gelände. Draußen ist Dadaab, wenn auch erst einmal nur die Wüste von Dadaab. Menschen stehen dort und warten, dass die Rückkehrer noch einmal vorbei kommen und ihre Schulden zurückzahlen. Geld, Rucksäcke, Essen wird über den Zaun gereicht, einige weinen. Es ist ein Abschied für immer.

 

Abdi hat auch vier Soldaten für mich angeheuert. Sie fahen in einem eigenen Fahrzeug hinter uns her und passen auf, dass wir nicht entführt werden. Zumindest in der Theorie. Wir fahren zunächst ins UN-Gebäude, einer Art eigenen Stadt inmitten der kenianischen Stadt Dadaab. Hier stehen Häuser aus Beton mit Klimaanlagen, es gibt einen grünen Garten, der bewässert wird, an jeder Ecke steht ein Wasserspender.

 

Hier beziehe ich mein Gästezimmer und erhalte an verschiedenen Stellen Sicherheitseinweisungen: Mich nicht nach 16 Uhr außerhalb des UN-Gebäudes aufhalten, niemals ohne Abdi und Soldaten vor die Tür gehen, mich niemals von Abdi und den Soldaten entfernen und solche Dinge.

 

Am Mittag fahren wir kurz nach Dadaab. Ich darf nur drei der Lager besuchen. Eines ist bereits geräumt, eines zu gefährlich. Wir fahren erst einmal durch Ifo1 und Ifo2, die beiden ersten Lager. Sie unterscheiden sich nicht groß vom kenianischen Dadaab. Es ist eher ruhig, die Menschen halten sich ob der heißen Temperaturen in ihren Hütten auf. Überall liegt viel Müll herum, das war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch in ganz Kenia so.

 

Ich freue mich über viele Esel, die ich sehe. Nach wie vor sind sie meine Lieblingstiere. Auf dem Weg von Ifo1 nach Ifo2 kommen wir in eine Kamelherde. Straßen gibt es hier zwar, sogar das ein oder andere Straßenschild (etwa die Forest Road, an der weit und breit kein Baum zu sehen ist), aber als Straßen erkennbar sind sie selten. Meistens ist es einfach eine Sandpiste.

 

Die Hitze ist enorm, es hat um die 46 Grad. Während ich mich nach der kurzen Tour in mein Zimmer mit Klimaanlage zurückziehen und kalt duschen kann, müssen die Leute draußen aushalten. Vor allem an die Mädchen und Frauen denke ich, die sich verschleiern müssen.

 

Alltag in Ifo1
Alltag in Ifo1

Abendessen gibt es im eigenen UN-Restaurant, es gibt auch Cafés, Kioske und einen Beachvolleyballplatz. Eigentlich fehlt nur noch ein Swimmingpool, denke ich mir. Wer für die UN oder eine der anderen Hilfsorganisationen in Dadaab arbeitet, wohnt auch hier. Die großen NGOs wie Welthungerhilfe, Care oder Norwegian Refugees Council haben separate Gelände auf dem Areal, die durch Gartenzäune abgetrennt sind. Wer das Areal betritt, muss übrigens seinen Ausweis abgeben und insgesamt drei Sicherheitskontrollen durchlaufen.

 

Nach dem Frühstück fahren wir los. Wir wollen heute möglichst viele Interviews führen. Abdi hatte mich beim Abendessen gefragt, wie meine Reportage aufgebaut ist und hat sich schon mögliche Gesprächspartner überlegt. Er kennt viele Leute in Dadaab, den meisten Journalisten präsentiert er die Gesprächspartner, die ohnehin zu seinem Fundus gehören.

 

Zunächst machen wir Halt an einer Art Strommast, hier kann man hinaufklettern. Es ist natürlich eigentlich nicht erlaubt. Wir klettern zu dritt hinauf und oben kann man die Weite von Dadaab sehen - aber eigentlich nur erahnen, man sieht nämlich nur ein Lager und die Ränder von zwei weiteren.

 

Dann besuchen wir verschiedene Familien. Carlos ist dabei, ein Äthiopier und Christ, eine Minderheit in Dadaab, oder Nafiso und ihre Familie. Die einzelnen Menschen habe ich euch nach dem Haupttext noch einmal gelistet, um sie euch vorzustellen.

 

Der Tag vergeht sehr schnell. Die meisten sprechen kein Englisch, nur Arabisch, und Abdi übersetzt. Ich muss darauf hoffen, dass er mir keinen Unsinn erzählt. Vor allem die Kinder sind neugierig, aber auch die jungen Frauen. Eine weiße junge Journalistin, die alleine nach Dadaab kommt, das ist für sie neu. Ein älterer Herr gibt Abdi mit, dass er gut auf mich aufpassen solle. Eine junge Frau fragt mich nach meinem Facebook-Kontakt.

 

Auf dem Weg von Ifo 1 nach Ifo 2 geht das Auto der Soldaten kaputt. Sie wollen, dass wir warten, bis es repariert ist. Abdi sagt, wir haben keine Zeit dafür. Aber ohne, darf er nicht losfahren. Sie streiten. Ich sitze im Auto und schaue aus dem Fenster. Mein Fahrer steigt aus, lässt den Wagen laufen und Schlüssel stecken. So viel zur Entführungsgefahr. Hallo, möchte mich jemand mitnehmen? Einfach einsteigen und mit mir losfahren...

 

Gegen Mittag ist die Hitze kaum noch zu ertragen. 48 Grad zeigt das Thermometer an. Abdi sagt, wir machen Feierabend. Es ist kurz vor 14 Uhr. Wir fahren noch ins UN Gebäude und sprechen mit Verantwortlichen, etwa dem Camp-Manager und dem Menschen, der seitens der UN für die Pressearbeit für Dadaab zuständig ist. Abdi kriegt Ärger, weil er eine Sicherheitsbelehrung bei irgendeinem weiteren Menschen mit mir nicht gemacht hat. Letzte Verwarnung, sagt der Mann, der Englisch spricht, damit ich es auch höre. Abdi lacht.

 

Neuankömmlinge wollen sich als Flüchtlinge registrieren
Neuankömmlinge wollen sich als Flüchtlinge registrieren

Beim Abendessen spreche ich mit Abdi eher über private Dinge, am Ende besprechen wir noch, welche Gespräche wir für den letzen Tag noch brauchen. Einen kenianischen Einheimischen von Dadaab, der erzählt, wie sich das Dorf gewandelt hat mit den Flüchtlingen, eine Person, die in Dadaab geboren ist, damit ich das Thema Staatenlosigkeit thematisieren kann und am liebsten noch ein Kind.

 

Zunächst fahren wir zur Registrierungsstelle. Dort treffen wir Hunderte Menschen, die neu in Dadaab angekommen sind. Sie warten dort tage- manchmal wochenland, um sich zu registrieren. Erst wenn sie ihren Fingerabdruck abgegeben haben, werden sie offiziell als Einwohner von Dadaab gezählt, erst dann bekommen sie ihre Rationskarten für Essen und Wasser, bekommen eine Hütte zugewiesen, können die medizinische Versorgung nutzen und die Kinder zur Schule schicken.

 

Einige sind nicht zum ersten Mal hier, sie waren in Somalia, als Somalia 2015 in Teilen als sicher deklariert wurde. Aber ihr Somalia war nicht sicher und so kehrten sie nach Dadaab zurück. Wieder andere kommen neu, im Frühjahr 2017, während meines Besuchs, ist der Norden von Kenia, Äthiopien und Somalia von einer schon monatelang andauernden Dürreperiode betroffen. Menschen verhungern, weil die Ernte ausbleibt.

 

Das UN-Areal ist mehrfach eingezäunt
Das UN-Areal ist mehrfach eingezäunt

Danach fahren wir zur Familie der 18-jährigen Kafia. Zusammen mit Nafiso hat sie mich am meisten beeindruckt. Sie wurde zwangsverheiratet, als sie 15 war, an einen Mann, den sie nie zuvor gesehen hatte. Sie hat ein anderthalbjähriges Kind und lebt mit Sohn und Mann in einer eigenen Hütte auf dem Gelände ihrer Eltern. Sie hat ein richtiges Sofa, das zeigt sie stolz. Sie sagt Abdi, sie würde gerne Englisch sprechen, damit sie sich richtig mit mir unterhalten könne. Ich spreche auch mit ihrem Neffen Salam, der gerade Pause an der Koranschule hat. Der Zehnjährige kommt mit seinem Fußball vorbei.

 

Meine Zeit in Dadaab geht dem Ende zu. Wir fahren noch einmal zurück zur UN und holen mein Gepäck. Auf dem Weg zum Flugplatz stoppen wir im Dorf, um mit einem Kioskbetreiber zu sprechen. Einerseits freut er sich über die Flüchtlinge, denn darauf basiert sein Geschäft. Andererseits findet er es unfair, dass er für Schule, Impfungen und Medizin bezahlen muss, während die Somalis es einfach so bezahlt bekommen.

 

Abdi setzt mich am Flugplatz ab und wartet pflichtbewusst, bis das Boarding stattfindet. Irgendwann taucht neben uns eine Frau auf und fragt nach den Ausweisen und dem Flugticket. Das war der Check-In. Unser Gepäck wird auf einen Anhänger geworfen und wir steigen ins Flugzeug. Eine Sicherheitskontrolle gibt es hier nicht - wir verlassen ja nun ohnehin das Hochsicherheitsgebiet.

 



Impressionen



Begegnungen

Kafia ist offiziell fünf Jahre alt und kennt sowohl das trostlose Leben in Dadaab als auch das gefährliche Leben in Somalia. Zusammen mit ihren Stiefgeschwistern und Geschwistern lebt sie derzeit wieder in Dadaab, weil es dort sicherer ist.

 

Kafia versteht noch nicht so viel von dem, was um sie herum passiert. Aber sie hat viele Freunde hier in Dadaab, mit denen sie nach der Schule spielt. Gleich neben ihrer Hütte stehen die Hütten von anderen Familien.

 

Auch wenn Kafia hier schüchtern und fast ängstlich schaut, lacht das kleine Mädchen viel und ist sehr neugierg. Bei ihren Freunden gibt sie gerne den Ton an.



Kafia, die eigentlich anders heißt, ist in Dadaab geboren und das bedeutet, dass sie staatenlos ist. Sie wurde von ihren Eltern verheiratet, als sie 15 war. Ihren Mann sah sie auf der Heirat zum ersten Mal. Kafia ist 18 und Mutter eines anderthalbjährigen Sohnes Yussuf, staatenlos.

 

Um die Chance auf eine Aufenthaltsgenehmigung in Europa oder den USA zu bekommen, erzählt sie den Behörden, dass sie auf dem Markt entführt, vom Entführer geschwängert wurde und ihn deshalb heiraten musste.

 

Kafia musste die Schule nach der fünften Klasse abbrechen, weil die Angst vor Gewaltverbrechen zu hoch war. Sie möchte Krankenschwester werden. 



Nafiso ist in Somalia geboren und kam 2006 nach Dadaab, als in ihrer Heimat äthiopische Krieger gegen Al Shabaab in den Krieg zogen.  Sie baute sich ein Leben auf, wurde eine Art Bürgermeisterin für ihren Block in Dadaab.

 

2015 zog sie mit sieben ihrer acht Kinder zurück nach Somalia, weil sie Angst vor der Räumung von Dadaab hatten. Ihr schwerkranker Ehemann und die älteste Tochter mussten in Kenia bleiben. Die kenianischen Behörden wollen das Camp seit langem schließen. Ihre Nachbarin wurde auf dem Markt in Mogadischu weggebombt, ein halbes Jahr nach Nafisos Rückkehr schlug eine Bombe von Al Shabaab in ihren Garten ein und verletzt sie schwer. Eine Freundin starb.

 

Sie kehrte nach ihrer Heilung mit ihrer Familie zurück nach Dadaab - allerdings ohne Hoffnung. Dadaab sei ein trostloser Ort, sagt sie, weil er keine Zukunft habe. Aber sie will erst nach Somalia zurückkehren, wenn es sicher ist, "so sicher, dass du dort Urlaub machen kannst".



Mandek und Felis haben kein richtiges Geburtsdatum. Wer keine Pässe hat und den Tag nicht genau weiß, bekommt den 1.1. des jeweiligen (oder geschätzten) Jahres in seine Flüchtlingskarte eingetragen. Offiziell sind die jungen Frauen am 1.1.2001 und am 1.1.2003 geboren.

 

Die beiden Mädchen flohen zusammen mit ihrer Mutter Nafiso und ihrem Stiefvater nach Dadaab und wuchsen dort gemeinsam auf. Als ihre Mutter 2015 beschloss, ins als sicher deklarierte Mogadischu zurückzukehren, begannen sie neu.

 

Sie sahen, wie Freunde starben. Sie hatten Angst um ihr Leben. Als eine Bombe ihr Haus zerstörte, kümmerten sie sich um ihre fünf kleinen Geschwister, bis ihre schwer verletzte Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Die Mädchen flehten ihre Mutter an, nach Dadaab zurückzukehren.

 

Mandek und Felis haben einen Schulplatz - und können auch noch zur Schule gehen. Der Weg von ihrem Camp zur Schule ist nicht so gefährlich wie andernorts.



Salman ist zehn Jahre alt und will einmal Fußballspieler werden, oder Journalist. Am liebsten im Westen, denn vom Westen hat er nur Gutes gehört.

 

Salman ist wie seine Eltern in Dadaab geboren und damit staatenlos. Wäre er ein paar Kilometer weiter im gleichen Land geboren, gebe es für ihn Schulpflicht. Salman geht morgens zur Koranschule und mittags kickt er mit Freunden zwischen den Hütten. Wenn Salman mit der Koranschule fertig ist, wird er eine richtige Grundschule besuchen.

 

Salman hat nur einen Ball zum Spielen, manchmal darf auch sein kleiner Cousin mit ihm spielen. Obwohl kaum noch Luft drinnen ist, ist es sein größter Schatz. Sonst hat er nichts.



Die 60-Jährige Maryam ist 2017 mit ihrer Tochter Idil und ihrem Enkel Siyad von Somalia nach Dadaab geflohen. Sie hatte dort eine Farm, aber von Al Shabaab wurde sie vom Fluss weg ins trockene Landesinnere gedrängt, die Ernte konnte die Familie nicht mehr ernähren.

 

Nun versucht sie, sich in Dadaab als Flüchtling zu registrieren. Erst wenn man registriert ist, bekommt man seine Rationskarte für Lebensmittel und Wasser, eine Hütte und einen Schulplatz für die Kinder.

 

Die Solidargemeinschaft in Dadaab funktioniert für die Neuen: Die Bewohner teilen Wasser und Essen mit den Neuen, Hütten von Rückkehreren werden ihnen zur Verfügung gestellt.



Carlos ist Äthiopier und Christ und damit in der absoluten Minderheit in Dadaab, wo geschätzt 95 Prozent Somalis und Muslime sind. Carlos lernte nach seiner Ankunft 2001 eine junge Somali kennen, sie heirateten. Gern gesehen war das im Camp nicht, sie wurden ausgegrenzt und bedroht. Sie brach mit ihrer Familie.

 

Durch die Heirat haben Carlos, seine Frau und die fünf Kinder quasi jede Chance vertan, in ihre jeweilige Heimat zurückzukehren. Er könnte nur ohne sie und die Kinder nach Äthiopien, sie könnte nur ohne ihn und die Kinder nach Somalia. Sie hoffen auf eine Ausreise in die USA.

 

Die Religion sei eine große Barriere, sagt Carlos. Seine Kinder sind konfessionslos. Aber da er als Elektriker gut ausgebildet ist, konnte er sich schnell vernetzen und sein eigenes Geld verdienen.



Maida ist die älteste von acht Geschwistern und lebt in einer sprälich eingerichteten Lehmhütte zusammen mit ihrer Familie. Maidas Bett besteht aus leeren Dosen, die sie nebeneinander arrangiert hat. Daraf liegt ein Stück Pappkarton, darauf liegt eine alte, dünne Matratze. Sie hat keine Bezüge, Kissen oder Decken.

 

Als Maidas Mutter Nafiso mit ihren Geschwistern für einige Monate nach Somalia zurückkehrte, blieb Maida mit ihrem schwerkranken Vater zurück in Dadaab.

 

In der Familie ist die 18-jährige Maida, die auch noch zur Schule geht, für die Pflege des Vaters zuständig und sie kümmert sich um ihre jüngeren Geschwister.



Zeinab und ihre beiden in Dadaab geborenen Töchter Sabir und Habjbe werden an dem Tag, an dem ich sie kennenlerne, nach Somalia zurückkehren. Seit der Gründung von Dadaab 1991 hat Zeinab hier gelebt. Nun will sie endlich in ihre Heimat zurück, vor allem, weil sie davon ausgeht, dass Dadaab bald ohnehin geräumt wird - und jetzt bekommt sie noch 200 USD Ausreisegeld pro Person für den Neustart.



Mohammed war einer der ersten, die in Dadaab 1992 angekommen sind. Er wollte nur für ein paar Wochen bleiben. Er sah, wie Lastwagen Hunderttausende Menschen brachten, in das Lager, das für 30.000 ausgelegt war. Er sah Menschen an Cholera, Hunger und Durst sterben.

 

Der 79-Jährige träumt er von einem Leben in den USA. Ein Neuanfang wäre für den achtfachen Vater, der einen Getränkeladen im Camp betreibt, kein Problem, sagt er.