Breslau - die Stadt der Zwerge

Nur rund 160 Kilometer von Görlitz und damit von der deutschen Grenze entfernt liegt Breslau, auf polnisch Wroclaw. Die Stadt, die einst zu Deutschland gehörte, hat eine faszinierende und traurige Geschichte. Bei einer Free Walking Tour, wie ich sie an dem Tag, den ich dort verbracht habe, gemacht habe, lernt man viel über die Hintergründe und die Geschichte der Stadt. Ausgangspunkt für alle Erkunden ist die wundervolle Altstadt mit dem Marktplatz, auf dem auch das Leben spielt. Die bunten Häuser, die hier aufgereiht stehen, sehen entzückend aus. Besonders an Breslau ist auch die Vorliebe für Zwerge: Mehr als 600 Bronze-Figuren finden sich in der Stadt - und das hat eine Bedeutung.


Wir kamen am späten Nachmittag in Breslau an, sind noch etwas spazieren gegangen und waren dann abends auf dem Schiffrestaurant Barka Tumski essen. Das gehört zum Hotel Tumski (dem orangenen Gebäude auf dem Foto), in dem wir dank eines Angebots übernachtet haben und liegt auf einer Insel auf der Oder.

 

Das Ambiente auf dem Schiff war leider nicht so dolle, von außen sah es wunderschön aus mit dem rot und dem Sonnendeck, drinnen war dann doch sehr viel Plastik und es war null liebevoll eingerichtet. Als wir das Schiff betraten haben, dachten wir zunächst, dass es gar nicht geöffnet hat, sondern gerade umgebaut wird. Also hier ist leider einiges an Potenzial verloren gegangen.

 

Das Essen war allerdings ganz okay und auch preiswert - aber da das ganze Flair überhaupt nicht gepasst hat - obwohl es im Juli (also Hochsaison) war, waren außer uns auch keine Gäste da, was wohl auch für sich spricht.

Breslau: Was es mit den Zwergen auf sich hat

Der Eingang zum Zwergenland, er ist direkt hier. Ein kleiner Hügel nur, ein kleines Tor, doch hinein zu gelangen ist gar nicht so einfach, denn natürlich wird das Tor zum Zwergenland gut bewacht. Von einem Zwerg.

 

Mehr als 600 Zwerg-Figuren finden sich in Breslau - vor allem in den jüngsten Jahren gab es einen raschen Zuwachs. Vor nicht einmal 19 Jahren tauchten die ersten Zwerge im Stadtbild auf - 2014 waren es dann schon 300 und nur vier Jahre später hatte sich die Zahl verdoppelt.

 

Allerdings ist Breslau schon länger als 19 Jahre mit den Zwergen verbunden. Die Idee geht zurück auf die Oppositionsbewegung "Orange Alternative", die in den 1980er Jahren das kommunistische Regime abschaffen wollte. Sie stellten einen von Waldemar Frydrych gestalteten ersten eisernen "Papa Zwerg" im Stadtzentrum auf und demonstrierten in Zwergkostümen und mit Zwergplakaten. Die Idee hatten aber nicht die Polen: In den Niederlanden gab es bereits in den 60er und 70er Jahren die Kabouterbewegung, die Zwerge als Maskottchen nutzte.

 

Jedenfalls griffen Studenten der Kunsthochschule die Zwergen-Idee 2001 auf - und es entstand ein regelrechter Hype um die kleinen Genossen! Sie sind aber auch zu süß! Immerhin symbolisieren die Zwerge heute den Sieg über den Kommunismus. Wie das Original damals sind auch die Zwerge heute zwischen 20 und 30 Zentimeter groß - und auf jeden Fall nicht zu übersehen!

 

Natürlich habe ich es nicht geschafft, alle 600 Zwerge zu sehen, aber einige davon. Und ich war echt beeindruckt. Inzwischen gibt es Zwerge für alles. Auf einer nicht sehr aktuellen Karte sind einige der Zwerge aufgeführt.

 

Bücherwürmer, Sänger, Zwerge mit Wappen, Zwerge, die blind, gehbehindert und taub sind - um auch Behinderungen sichtbar in der Gesellschaft zu machen. Unser Guide bei der Walking Tour erzählte, dass Breslau überdurchschnittlich viele Menschen mit Behinderungen habe - und die Zwerge auch diese repräsentieren sollten. Ich habe allerdings bei einer Recherche jetzt erst einmal nicht herausfinden können, ob diese Aussage des Stadtführers der Wahrheit entspricht.

 

Und dann wäre da noch der Gitarrenzwerg, der Jimi Hendrix gewidmet ist - mit dessen Song "Hey, Joe" stellt Breslau seit sechs Jahren jedes Jahr am 1. Mai beim "Thanks Jimi Festival" einen Gitarristen-Weltrekord auf (oder versucht es) - wenn Tausende Menschen gleichzeitig auf dem Marktplatz musizieren. 7423 Menschen waren es im Jahr 2019. Inzwischen beteiligen sich auch andere Städte etwa in Deutschland an dem Happening.

Breslau - Europas Kulturhauptstadt 2016

Spätestens seit 2016 ist Breslau kein Geheimtipp mehr - denn da war die Stadt in Schlesien Europas Kulturhauptstadt. Sechs Millionen Gäste kamen alleine in 2016.

 

Nicht nur die herrliche Altstadt rund um den Marktplatz, auf die ich gleich eingehe, besticht in dem Fall. Wer hier ist, sollte sich auch historische Kulturbauten anschauen wie etwa die Bibliothek Ossolineum machen. Das rote Gebäude ist wirklich schön anzuschauen - und im Garten geht es auch sehr ruhig und entspannt zu.

 

Ohnehin gibt es einige Events in der Stadtgeschichte, die spannend sind. Es gibt eine Straße, wo die Meilensteine auf dem Boden zu finden sind. Allerdings steht dort nur das Jahr und dann ein Symbol - der Besucher muss also etwas raten. 2012 beispielsweise war Breslau Austragungsort der Fußball-EM, die in diesem Jahr in Polen stattfand.


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Breslau zu Fuß entdecken: Free Walking Tour

Breslau war für mich nur einer von vier Stopps auf dem Polen-Roadtrip, weshalb ich leider nicht so viel Zeit hatte. Es lohnt sich auf jeden Fall, mehrere Tage hier einzuplanen - und ich bin mir auch sicher, dass ich wieder zurückkommen werde!

 

Da wir quasi nur einen halben Tag zur Verfügung hatten, entschieden wir uns für die Free Walking Tour. Diese Touren werden inzwischen in nahezu jeder Stadt angeboten. Die Tour gab es auf Spanisch und auf Englisch und wir waren nur zu viert mit dem Guide. Man kann die Tour vorab online buchen oder einfach dazu kommen und den Guide mit dem gelben Regenschirm suchen.

 

Los ging es um 10 Uhr auf dem Marktplatz, dem Rynek. Dort gibt es mit dem Alten Rathaus auch gleich eines der schönsten Gebäude zu sehen - der 66 Meter hohe Turm des spätgotischen Baus ist landesweit bekannt. Wer sich hier aufhält, sollte definitiv einen Blick nach oben und nach unten wagen: Oben, weil dort (auf der Ostseite) die berühmte Astronomische Uhr aus dem 16. Jahrhundert zu sehen ist. Und unten, weil es vor dem Eingang ein riesiges Mosaik aus Pflastersteinen gibt, das das Stadtwappen zeigt.

Wo das Herz der Stadt schlägt: Marktplatz Rynek

Den Marktplatz mit solch tollen Gebäuden und bunten Farben zu seen, hat mir vor allem deshalb so gut gefallen, weil Breslau gegen Ende des Zweiten Weltkriegs teilweise zerstört wurde - und die Stadt nun so lebendig ist und so viel Lebensfreude ausstrahlt.

 

Wir hatten zum Glück einen Guide, der auch etwas geschichtlich interessiert war und daher auch einiges zur Geschichte Breslaus erzählen konnte. Und die ist sehr abwechslungsreich, immerhin gehörte Breslau in seiner Geschichte immer wieder verschiedenen Ländern an.

 

Bis 1945 gehörte Breslau noch zu Deutschland, doch nach dem Potsdamer Abkommen wurde es Polen zugeteilt. Die Polen ließen daraufhin die Stadt räumen und die überwiegend deutschen Bürger mussten die Stadt verlassen. Dafür wurden Polen aus anderen Gebieten des Landes dorthin umgesiedelt.

 

Unsere Tour führte vom Marktplatz aus - wo wir alle Gebäude leider nur von außen sehen konnten - zur Oder. Unterwegs war ich ganz begeistert von den vielen wirklich schönen Street-Art-Gemälden an den Hauswänden. Hier solltet ihr definitiv mal einen Blick wagen und auch in Gassen gehen, die jetzt vielleicht nicht die Hauptstraßen sind. Ein Stopp lohnt auch im französischen Café Giselle, wo es auch lecker Frühstück gibt.

Jatki: den Schlachttieren gedenken

Unser nächster Stopp war Jatki, die alte Fleischermeile. Das ist ein Ort, der mir super gut gefallen hat, weil er eine für mich enorm schöne Botschaft hat: Hier in der kleinen Gasse standen einst die Fleischereien und Schlachtereien, hier haben viele Nutztiere ihr Leben verloren. Vor allem minderwertiges Fleisch wurde hier verarbeitet, heißt es auf der offiziellen "Visit Wroclaw"-Seite.

 

Vor den Läden, die heute Künstler-Ateliers und Galerien sind, befindet sich ein Denkmal für die Tiere, das die Stadt in den 1990er Jahren in Auftrag gegeben hat. Hase, Schweine, Gänse, eine Ziege und über alle wachend ein Hahn sollen den Schlachttieren gedenken - von den Konsumenten. Ist das nicht irgendwie süß?

 

Leider war hier recht viel los - die Tiere vom Jatki sind eine der beliebten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Aber für uns ging es ohnehin zeitnah weiter: Richtung Universität.

Geschichten und Denker: Universität Wroclaw

Die Universität wäre einen eigenen Eintrag wert, so viel gibt es hier zu sehen - und ich war noch nicht einmal in einem Gebäude drinnen! Daher stelle ich euch jetzt einfach mal die paar Stopps vor, die wir bei der Free Walking Tour gemacht haben!

 

Da wäre zum einen die prächtige blaue Tür mit goldenen Verzierungen, die wirklich unheimlich schön anzuschauen ist. Leider war es hier auch recht voll - sie scheint ein beliebtes Fotomotiv zu sein!

 

Der Fechterbrunnen ist auch so eine Sache, über die es viel zu erzählen gibt. Zumindest hat unser Guide sehr viel darüber erzählt. Hugo Lederer hat ihn Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffen - und auf dem Brunnen steht ein nackter Jüngling. Das soll eine Warnung aus Lederers eigenem Leben sein: Er soll unter Alkoholkonsum bei einem Kartenspiel all seine Kleidung verloren haben - und wollte mit dem Monument deshalb vor zu viel Alkohol warnen.

 

Der Fechterbrunnen ist auch bei den Breslauer Studenten, davon gibt es immerhin 140.000, beliebt. Es ist wohl eine Art Mutprobe, dem Jungen, der sich auf ein Schwert stürzt, betrunken das Schwert zu entwenden. Erst habe ich die Geschichte nicht geglaubt, weil der Junge bei unserem Besuch kein Schwert hatte - und dachte, dass das eine Legende sei. Bis ich im Internet genug Bilder von dem Brunnen gefunden habe - mit Schwert.

 

Ab Februar 1945 wurde das bis dahin deutsche Breslau umzingelt und es fanden schlimme Kämpfe statt, bei denen Tausende von Zivilisten starben. Es gibt ein Ort, an dem die Ausmaße des Leids auch heute noch zu sehen sind: An der Außenmauer der Universitätskirche (von schlechtem Graffiti übermalt, wie man auf dem Bild sehen kann) sind Einschusslöcher die Zeugen dieser Zeit.

 

Kurz vor der endgültigen Kapitulation des Dritten Reiches im Zweiten Weltkrieg verlor Deutschland Breslau an die Rote Armee. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatten in Breslau die verschiedensten Menschen zusammen gelebt, aber vor allem Deutsche. Nach dem Kriegsende wurde Breslau Polen zugeteilt und alle Deutsche, die sich noch in Breslau aufhielten - viele Menschen waren vor und während der Kämpfe im Frühjahr 1945 geflohen -, wurden zwangsausgewiesen.

 

Eine der Menschen, die hier an der Universität studiert haben, ist übrigens Edith Stein. Wer ihren Spuren folgen will, kann nicht nur ihr ehemaliges Wohnhaus in der Nowowiejskastraße 38 besichtigen, sondern auch eine Gedenktafel an der Universität finden: Hier studiert Edith Stein von 1911 bis 1913 unter anderem Philosophie.

Auf der anderen Seite der Oder: Rund um den Dom

Wer die Oder von der Altstadt kommend über die Insel Wyspa Piasek (auf der sich auch eine prächtige Sand-Kirche befindet) überquert - auf einer mit Liebesschlösser behängten Brücke - und der Straße Katedralna folgt, läuft geradewegs auf den Dom zu. Auch in dieser kleinen hübschen Straße solltet ihr auf jeden Fall Ausschau nach ein paar Zwergen halten - oben und unten.

 

Von der Katedralna aus kann man gleich mehrere Kirchen sehen - manch eine ist ganz gut hinter einer anderen versteckt oder gar nicht mehr als solche zu erkennen. Wir hatten ein lustiges Ratespiel mit unserem Guide.

 

Der Dom ist das wahrscheinlich prächtigste Gebäude in der Stadt, es ist ein gotischer Bau aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Von der Katedralna kommend sieht man zunächst die zwei hohen spitzen Türme - doch wer näher kommt, entdeckt quasi einen komplett anderen Bau: Die Rückseite seht ihr hier links auf dem Bild.

 

Vor allem gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Dom stark durch Kämpfe und einen Bombenangriff beschädigt, 70 Prozent der Bausubstanz galt als zerstört. An einer Wand neben der Eingangstür finden sich alte Bilder, die das Grauen der damaligen Zeit zeigen. Obwohl 1952 bereits wieder Gottesdienste hier stattfanden, war der Wiederaufbau erst im Jahr 1992 abgeschlossen! Bilder zeigen auch, wie es im Inneren aussah - denn viele Originalteile wurden nach dem Zweiten Weltkrieg weggeschafft und in andere Kirchen oder Museen gebracht, sodass die Ausstattung heute teils von anderen Kirchen kommt und teils auch nachgebildet wurde.

 

Unsere Tour endete am Dom und da es meiner Schwester leider auch nicht so gut ging, sind wir nicht mehr groß weitergegangen. Aber für einen ersten Eindruck aus Breslau war die Free Walking Tour wirklich super. Die Guides machen diese Touren ehrenamtlich und verdienen daher nur das, was an Trinkgeld rumkommt. Ich hatte schon mehrere Diskussionen zu dem Thema verfolgt - und je nachdem, wie gut eine Tour ist, wurde von vielen Reisenden ein Trinkgeld von 5 bis 10 Euro als angemessen empfunden, wobei einige auch bis zu 20 Euro geben. Es gibt übrigens mehrere Anbieter, die zudem Touren zu einem bestimmten Thema anbieten; eine Stiftung beispielsweise erzählt über das Judentum in Breslau.


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